Wöl­fe, Wild­nis und Munition


Bäume überwuchern Reste von Munition und Kriegsgerät Wildnis in Deutschland: Lieberoser Heide in Brandenburg
Die Natur holt sich alles zurück. Auch altes Kriegsgerät © Daniel Rosengren / ZGF

Als gebür­ti­ger Köl­ner ken­ne ich Deutsch­land über­wie­gend als ein dicht besie­del­tes Land mit gele­gent­li­chen „Natur­inseln“. Umso über­rasch­ter war ich, dass es bei uns vor allem im Osten doch noch weit­ge­hend unbe­sie­del­te und unzer­schnit­te­ne Land­schaf­ten gibt. Alte Trup­pen­übungs­plät­ze, auf denen die noch jun­ge Natur so man­che tie­ri­sche Gäs­te lockt. Das Geh­eu­le von Wöl­fen ertön­te vor weni­gen Jah­ren erst­mals wie­der in der Däm­me­rung. Insek­ten in allen For­men und Far­ben schwir­ren, krab­beln und klet­tern umher. Hier kann Natur end­lich wie­der Natur sein. Ein per­fek­tes Natur­pa­ra­dies? Der Schein trügt. Die­se neu ent­ste­hen­de Wild­nis hat ein gefähr­li­ches Geheim­nis. Unter der Erde schlum­mern näm­lich noch Unmen­gen an Muni­ti­on, Bom­ben und Gra­na­ten. Muni­ti­ons­alt­las­ten, die jeder­zeit explo­die­ren kön­nen. Eine Gefahr — aber auch eine Chan­ce für den Naturschutz?

Wildnis in Deutschland: Lieberoser Heide in Brandenburg
Mili­tä­ri­sche Hin­ter­las­sen­schaf­ten wer­den zu Natur­schät­zen © IMAGO/Rainer Weisflog

Die Ver­gan­gen­heit holt uns ein

Vie­le der Trup­pen­übungs­plät­ze sind geprägt von einer düs­te­ren Ver­gan­gen­heit. Bei­spiels­wei­se in Jam­litz, nahe des heu­ti­gen Wild­nis­ge­biets Lie­be­ro­ser Hei­de im Süden Bran­den­burgs, wur­de zur NS-Zeit ein Außen­la­ger des KZ Sach­sen­hau­sen errich­tet. Häft­lin­ge muss­ten für die SS einen Trup­pen­übungs­platz bau­en. Von 10.000 über­leb­ten nur 400 Häft­lin­ge. Nach Kriegs­en­de wur­den Trup­pen­übungs­plät­ze von der Sowjet­uni­on wei­ter genutzt. Hier wur­den unter ande­rem Che­mie­waf­fen, Bom­ben und Rake­ten getestet.

Nach dem Mau­er­fall sind vie­le die­ser Gebie­te in die Staats­hand über­ge­gan­gen. Dar­auf muss­te die Fra­ge gestellt wer­den: Was macht man mit die­sen rie­si­gen, teils stark mit Alt­las­ten und Muni­ti­on belas­te­ten Flä­chen? Die vom WWF mit­ge­grün­de­te Stif­tung Natur­land­schaf­ten Bran­den­burg hat Teil­be­rei­che auf­wän­dig ent­mu­ni­tio­nie­ren las­sen, um hier Wan­der­we­ge und ein Wald­brand­schutz­sys­tem ein­zu­rich­ten. Wei­ter­hin ermög­licht sie die natür­li­che Ent­wick­lung von vier ehe­ma­li­gen Trup­pen­übungs­plät­zen in Wild­nis von Mor­gen. Die Gebie­te haben eine Gesamt­flä­che von über 13.700 Hekt­ar.  Sie sind Teil eines bun­des­wei­ten Netz­werks von Wild­nis­ge­bie­ten, einem Her­zens­pro­jekt der Teilnehmer:innen der Initia­ti­ve für Wild­nis in Deutschland.

Vom Trup­pen­übungs­platz zum Natur­pa­ra­dies – geht das?

Die jahr­zehn­te­lan­ge Nut­zung der Flä­chen als Mili­tär­ge­län­de hat­te einen unge­ahn­ten Neben­ef­fekt: Die hohen Kos­ten, die mit der Alt­las­ten- und Muni­ti­ons­be­rei­ni­gung ver­bun­den sind, haben eine Bebau­ung oder land­wirt­schaft­li­che Nut­zung vie­ler Flä­chen ver­hin­dert. Wür­det Ihr euer Haus in einem von Bom­ben umzin­gel­ten Gebiet bau­en? Also ich sicher nicht. Und auch die hart­ge­sot­tens­te Landwirt:in hat ver­mut­lich wenig Lust dar­auf, dass ihr Acker spon­tan von einer ver­ges­se­nen Flie­ger­bom­be umge­pflügt wird – ganz davon abge­se­hen, dass so was in Deutsch­land natür­lich streng ver­bo­ten ist. Dadurch stellt die Muni­ti­ons­be­las­tung eine rie­si­ge Chan­ce für den Natur­schutz dar.

Folgt uns durchs Traineejahr!

Wer­det Natur­schutz­pro­fi“, kün­dig­ten der WWF Deutsch­land und die Alli­anz Umwelt­stif­tung in einer Stel­len­aus­schrei­bung für eine neue Aus­bil­dung im Natur­schutz an. Ein ein­jäh­ri­ges Pro­gramm soll uns Trai­nees an Manage­ment­auf­ga­ben in Natur- und Umwelt­schutz­or­ga­ni­sa­tio­nen heranführen. 

Auf eini­gen die­ser Flä­chen ent­ste­hen nun gro­ße Wild­nis­land­schaf­ten. Statt Sol­da­ten strei­fen nun Wolfs­ru­del durch die Wäl­der, Wie­sen und Wüs­ten. Durch die lang­jäh­ri­ge Nut­zung sind viel­sei­ti­ge Land­schaf­ten aus sel­te­nen Hei­de­flä­chen, dür­ren Pan­zer­wüs­ten und dich­ten Laub- und Nadel­wäl­dern ent­stan­den. Land­schaf­ten, die in Deutsch­land in die­ser Form ein­zig­ar­tig und daher unbe­dingt schüt­zens­wert sind.

Chan­ce Munition?

Wildnis in Deutschland: Lieberoser Heide in Brandenburg, Schild Vorsicht Munition, lebensgefahr
Wer hier die Natur stört muss lebens­mü­de sein © IMAGO/blickwinkel/M.Henning

Hier­zu hat sich durch die Muni­ti­ons­be­las­tung eine uner­war­te­te Chan­ce für den Natur­schutz erge­ben: Die Natur bleibt ganz unge­stört. Denn nur ein leicht­sin­ni­ger (oder lebens­mü­der) Wan­de­rer wür­de an den ange­brach­ten Warn­schil­dern vor­bei­lau­fen. Auch für Inves­to­ren sind die­se Flä­chen oft nicht ren­ta­bel. Aber die Muni­ti­ons­be­las­tung bie­tet nicht nur Chan­cen für die jun­ge Wildnis.

Alte Muni­ti­on kann auch für die Natur zur Gefahr werden

Die Kehr­sei­te der Muni­ti­ons­be­las­tung bekam man vor allem in den Dür­re­som­mern der letz­ten Jah­re zu spü­ren. Auf eini­gen der Flä­chen bra­chen immer wie­der Wald­brän­de aus. Im Juni 2019 brann­ten im Wild­nis­ge­biet Jüter­borg 744 Hekt­ar (>1000 Fuß­ball­fel­der) Wald – der bis­lang größ­te Wald­brand Bran­den­burgs. Wald­brän­de kön­nen durch Explo­sio­nen, Brand­stif­tung oder Selbst­ent­zün­dung bei extre­mer Dür­re ent­ste­hen. Kommt es in einem muni­ti­ons­be­las­te­ten Gebiet zu einem Brand, stellt dies für die Feu­er­wehr eine beson­de­re Her­aus­for­de­rung dar. Auf Grund der Explo­si­ons­ge­fahr kön­nen Brän­de nur vom Rand gelöscht wer­den und auch die Löschung aus der Luft ist stark ein­ge­schränkt. Wald­brän­de kön­nen daher nicht so effek­tiv wie sonst bekämpft wer­den, ohne die Helfer:innen in Gefahr zu brin­gen. Sich ent­zün­den­de Muni­ti­on beschleu­nigt zudem die Aus­brei­tung des Feu­ers und ver­ur­sacht neue Brandherde.

Fol­ge uns in Social Media 

Facebook
Twitter
Instagram
YouTube
RSS

War­um wird die Muni­ti­on nicht entfernt?

Das ist lei­der nicht so ein­fach. Die teils gro­ßen Men­gen an unter­ir­di­scher Muni­ti­on weit­flä­chig zu ent­fer­nen ist nahe­zu unmög­lich. Daher wird auf Prä­ven­ti­on gesetzt. In Koope­ra­ti­on mit der Feu­er­wehr wer­den Wald­brand­schutz­sys­te­me regel­mä­ßig aktua­li­siert. Die Ent­wick­lung von Wäl­dern auf ehe­ma­li­gen Wald­brand­flä­chen wird im For­schungs­pro­jekt PYROPHOB unter­sucht. Neben bes­se­rem Brand­schutz ist die Zeit das bes­te Heil­mit­tel. Natür­li­che Vege­ta­ti­on kehrt lang­sam auf die alten Mili­tär­flä­chen zurück. Die­se ist im Ver­gleich zu den bis­her auf den Flä­chen vor­herr­schen­den Nadel­wäl­dern der Förs­te­rei­en, wider­stands­fä­hi­ger gegen­über Dür­re und Waldbränden.

Neu ent­ste­hen­de Wild­nis erleben

Dies ist ein span­nen­der Zeit­punkt, um die­se jun­gen, wil­den Land­schaf­ten selbst zu erle­ben. Unse­re Krie­ge haben tie­fe Wun­den in der Erde hin­ter­las­sen. Doch nun haben wir das gro­ße Glück, natür­li­che Rege­ne­ra­ti­ons­pro­zes­se live mit­zu­ver­fol­gen. Wun­der­schö­ne (und siche­re) Wan­der­we­ge auf den ehe­ma­li­gen Trup­pen­übungs­plät­zen laden zu fas­zi­nie­ren­den Natur­er­leb­nis­sen ein.

Mir per­sön­lich gibt die­ses Bei­spiel Hoff­nung. Denn egal wie sehr wir uns bemü­hen unse­re Natur zu zer­stö­ren, sie geht am Ende immer als Sie­ger hervor.

Wie hat Dir die­ser Bei­trag gefallen? 

Durch­schnitt­li­che Bewer­tung / 5. Anzahl Bewer­tun­gen:

Sehr schön, das freut uns! Viel­leicht magst Du ja… 

…die­sen Bei­trag jetzt teilen: 

Scha­de, dass Dir der Bei­trag nicht so gut gefal­len hat. 

Dein Feed­back wäre sehr wert­voll für uns. 

Wie könn­ten wir die­sen Bei­trag Dei­ner Mei­nung nach optimieren? 

Vorheriger Beitrag Kinder lüften: Tipps gegen den Lockdown-Koller
Nächster Beitrag Tiere: Überleben im Winter

2 Kommentare

  1. Avatar
    Chen
    12. Februar 2021
    Antworten

    Reminds me David Attenborough’s new movie. He also stands in the aban­do­ned ruin in Cher­no­byl, says Natu­re can still come back even after such dama­ge has been made by human. As long as we pre­ser­ve the space and time 🙂

    • Garreth Kratz
      15. Februar 2021
      Antworten

      Yes, Cher­no­byl is a gre­at examp­le for nature’s resi­li­en­ce! Thanks for your kind words 🙂

Einen Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.