Kuh der Woche: XXX


Plastik-Kuh schaut auf drei X - stellvetrtretend für die Fragezeichen im Kopf, die diese Woche hinterlässt: Trump als neuer US Präsident. Der den Klimawandel verleugnet, während in Marrakesh in Marrokko die Welt-Klimakonferenz COP 22 läuft.
WWF-Presseschau über eine Woche voller Fragezeichen im Kopf © Roland Gramling / WWF

Wenn ich einen Text schrei­be, egal ob es ein Blog­bei­trag ist, eine Pres­se­mit­tei­lung oder ein Rede­ma­nu­skript, kommt es vor, dass ich nicht wei­ter weiß. Ich hän­ge dann an einer bestimm­ten Stel­le, suche nach geeig­ne­ten Wor­ten oder einem Gedan­ken. Nicht immer fin­de ich sofort etwas Pas­sen­des, um eine Text­lü­cke zu schlie­ßen. Daher mar­kie­re ich mir häu­fig die­se Stel­le mit „XXX“. Nach die­ser Woche ste­hen drei gro­ße X nicht auf einem Papier, son­dern pran­gen in mei­nem Kopf. Das ers­te Mal seit­dem ich poli­tisch den­ken kann, füh­le ich eine gewis­se Ver­zweif­lung und Unsi­cher­heit. Wie soll es wei­ter­ge­hen nach die­ser Woche? Wie wird es wei­ter­ge­hen?

XXX

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren in der Pres­se­stel­le des WWF habe ich häu­fig grö­ße­re oder klei­ne­re Hiobs­bot­schaf­ten ver­kün­det. Doch ich blieb stets ein Opti­mist. Erst vor zwei Wochen etwa ver­öf­fent­lich­ten wir unse­ren neu­en Living Pla­net Report  und beim WELT­N24-Live­stream habe ich den Face­book-Usern erklä­ren müs­sen, dass die Mensch­heit gera­de dabei ist, ihr Natur­ka­pi­tal zu ver­pras­sen und wir deut­lich über unse­re Ver­hält­nis­se leben. Eine Her­aus­for­de­rung, die wir meis­tern müs­sen, das war mei­ne Ein­stel­lung. Selbst nach dem dra­ma­ti­schen und kra­chen­den Schei­tern es Kli­ma­gip­fels von Kopen­ha­gen im Jahr 2009 war ich davon über­zeugt, dass wir wei­ter­hin eine Chan­ce haben, das Blatt noch zu wen­den. Doch jetzt…

XXX

Plötz­lich wur­de jemand zum neu­en US-Prä­si­den­ten gewählt, für den der Kli­ma­wan­del eine „Erfin­dung der Chi­ne­sen“ ist. Was bedeu­tet das für die Umset­zung des Pari­ser Kli­ma­schutz­ab­kom­mens? In Mar­ra­kesch sol­len laut TAZ sogar Trä­nen geflos­sen sein.  Aus­ge­rech­net in einem sol­chen Moment fällt auch noch die Bun­des­re­gie­rung aus: Noch am Vor­abend der US-Wahl kas­sier­te Wirt­schafts­mi­nis­ter Gabri­el einen müh­sam aus­ge­han­del­ten Kli­ma­schutz­plan der Bun­des­re­gie­rung und ließ sei­ne Par­tei­freun­din und Minis­ter­kol­le­gin Hend­ricks mit lee­ren Hän­den nach Marok­ko fah­ren.

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Doch es geht um mehr als um inter­na­tio­na­le Kli­ma­po­li­tik. Nach dem Bre­x­it über­wo­gen bei mir Trotz und Kampf­geist. Doch die Unsi­cher­heit, wie es mit Euro­pa und damit mit mir per­sön­lich wei­ter­geht, wur­de in den ver­gan­ge­nen Mona­ten immer stär­ker. Auf SPON hat Jakob Aug­stein gar das Ende des Wes­tens aus­ge­ru­fen: „Nach dem Ver­sa­gen der libe­ra­len Demo­kra­tie blüht uns nun ein auto­ri­tä­res Zeit­al­ter.“  Ein Ende von Mei­nungs­frei­heit, Demo­kra­tie und Libe­ra­li­tät? Allein die Tat­sa­che, dass ich mir die­se Fra­ge ernst­haft stel­le, macht mir, ja ich gebe es zu, Angst.

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Angst ist ein gro­ßes Wort. Und doch ist sie gera­de für mich per­sön­lich ver­dammt greif­bar und real. Sie ist eine Fol­ge der ver­gan­ge­nen Mona­te. Immer­hin gibt es auch hier in Deutsch­land inzwi­schen wie­der gewähl­te Volks­ver­tre­ter, die fin­den, Homo­se­xu­el­le soll­ten sich nicht öffent­lich zei­gen und falls doch, soll­te man sie ein­sper­ren.  Anti­se­mi­ti­sche Straf­ta­ten stei­gen rasant an.  Und vor den Toren von Euro­pa ertrin­ken Men­schen im Meer, was hier­zu­lan­de viel zu oft nur ein Schul­ter­zu­cken aus­löst. Viel­leicht auch, weil unse­re Turn­hal­len wie­der leer sind, wäh­rend Ita­li­en mit über­füll­ten Auf­nah­me­la­gern kämpft. Was pas­siert eigent­lich gera­de mit unse­rer Gesell­schaft? Mir will in den ver­gan­ge­nen Tagen ein­fach nicht ein Lied von Kon­stan­tin Wecker aus dem Kopf gehen, in dem er die Angst vor dem Mob und die Angst um die Kin­der und Nar­ren, die Ver­rück­ten und die Bizar­ren besingt: „Und wenn du, wie frü­her, von mir Lie­der der Hoff­nung ver­langst — da ist zwar ein Seh­nen in mir, aber eigent­lich habe ich Angst.“

XXX

Gegen Angst und Unsi­cher­heit hel­fen mir gera­de auch die Titel­sei­ten, Bil­der und Head­lines der Medi­en rela­tiv wenig. Ich habe mich statt­des­sen mal bewusst auf die Suche gemacht, nach jenen, die beru­hi­gen und nüch­tern ein­ord­nen. Gefun­den habe ich zum Bei­spiel den His­to­ri­ker Jür­gen Kocka im DEUTSCHLANDRADIO KULTUR. Oder Ste­ven Herz von SIERRA CLUB im Inter­view mit KLIMARETTER. Und auch in dem TAZ-Arti­kel über die Trä­nen von Mar­ra­kesch fin­det sich ein bemer­kens­wer­ter Satz: „Die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft ist schnell dar­in, sich an die Gege­ben­hei­ten anzu­pas­sen.“

XXX

Am Ende der Woche sind die XXX in mei­nem Kopf nicht ver­schwun­den. Das Gefühl der Ver­un­si­che­rung bleibt. Und es wird mich wei­ter beglei­ten. Aber ich bin nicht län­ger erstarrt. Das Prin­zip Hoff­nung kehrt zurück. Genau­so wie Trotz und Kampf­geist. Ich den­ke wie­der dar­an, dass es selbst in den ver­gan­ge­nen Wochen Erfol­ge für den inter­na­tio­na­len Umwelt­schutz gab.  Ich den­ke an Jugend­li­che, die Flücht­lin­ge aus dem Mit­tel­meer ret­ten.  Und dar­an, wie ich ver­gan­ge­nen Som­mer beim CSD für mei­ne Rech­te durch Ber­lin tan­zen konn­te – und dass ich es nächs­tes Jahr wie­der tun wer­de. Nie­mals zuvor schien das dring­li­cher zu sein. Und ich ver­su­che öfters eine Melo­die von Elton John in mei­nen Kopf zu bekom­men, anstatt von Kon­stan­tin Wecker: „I’m still stan­ding. Yeah yeah yeah.“

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