Ver­sinkt das Wat­ten­meer?


Die einmaligen Lebensräume des Wattenmeeres sind vom Klimawandel bedroht. Durch den Meeresspiegel-Anstieg droht das Watt dauerhaft zu versinken. Hier Watt und Salzwiesen vor St. Peter-Ording.
Die einmaligen Lebensräume des Wattenmeeres sind vom Klimawandel bedroht. Hier Watt und Salzwiesen vor St. Peter-Ording. © Martin Stock / wattenmeerbilder.de

Als WWF-Wat­ten­mee­r­ex­per­te in Husum habe ich eine wun­der­ba­re Welt vol­ler Rob­ben, Wild­gän­se, Möwen und See­schwal­ben täg­lich vor der Tür. Aber wie lan­ge noch? Große Tei­le des Watts dro­hen dau­er­haft im Meer zu ver­sin­ken. Denn Fakt ist: Die Nord­see wird durch den Kli­ma­wan­del schnel­ler anstei­gen. Tei­le des Natio­nal­parks Wat­ten­meer, die heu­te noch zwei Mal am Tag bei Ebbe tro­cken fal­len, könn­ten in Zukunft stän­dig unter Was­ser ste­hen. Und wir Men­schen sind durch unse­ren Treib­haus­gas­aus­stoß dafür mit­ver­ant­wort­lich. Wel­che Fol­gen sind zu erwar­ten und was kön­nen wir tun, damit das Watt nicht im Meer ver­sinkt?

Was bedeu­tet der Mee­res­spie­gel­an­stieg für Vögel und See­hun­de?

Zug­vö­gel, See­hun­de und Kegel­rob­ben sind auf die Watt­flä­chen und Sand­bän­ke ange­wie­sen. Vie­le Vögel hät­ten weni­ger Platz zum Ras­ten — und sie fin­den dann auch viel weni­ger Nah­rung. Für See­hun­de und Kegel­rob­ben bedeu­tet ein Ver­sin­ken des Watts, dass ihre Lie­ge- und Auf­zucht­plät­ze teil­wei­se dau­er­haft unter Was­ser ste­hen wür­den.

Auch für uns Men­schen an der Nord­seeküste hat der Mee­res­an­stieg Fol­gen.
Sturm­flu­ten lau­fen höher auf und gefähr­den unse­re Küs­ten­nie­de­run­gen. Trotz immer bes­se­rer Dei­che steigt das Risi­ko einer Über­flu­tung mit dem stei­gen­den Meer. Noch trägt das Wat­ten­meer übri­gens zum Schutz vor Über­flu­tun­gen bei. Denn die Watt­flä­chen, Salz­wie­sen, Inseln und Hal­li­gen wir­ken wie ein Puf­fer gegen Sturm­flu­ten. Die Wel­len ver­lie­ren im fla­chen Wat­ten­meer ihre meis­te Ener­gie, lan­ge bevor sie die Dei­che am Fest­land errei­chen.

Alpenstrandläufer auf einem Rastplatz. Ob sie in 100 Jahren immer noch Platz finden im Wattenmeer? Der Anstieg des Meeresspiegels durch den Klimawandel ist eine Bedrohung durch das Watt: Das Watt droht im Meer zu versinken - und mit ihm Rast- und Aufzuchtplätze.
Alpen­strand­läu­fer auf einem Rast­platz. Ob sie in hun­dert Jah­ren immer noch Platz fin­den im Wat­ten­meer? © Hans-Ulrich Rös­ner / WWF

Wie schnell steigt die Nord­see?

Selbst bei einer guten Kli­ma­po­li­tik, die wir unbe­dingt brau­chen, wird die Nord­see künf­tig schnel­ler anstei­gen. Wir haben so vie­le fos­si­le Ener­gi­en wie Öl und Gas ver­brannt, dass der Mee­res­spie­gel durch die Erd­er­wär­mung für vie­le Genera­tio­nen anstei­gen wird, auch im Wat­ten­meer. Die Kli­ma­for­schung rech­net welt­weit bis zum Ende unse­res Jahr­hun­derts mit einem Anstieg um etwa einen Meter und mehr. Die ein­ma­li­ge Land­schaft an der Nord­see­küs­te wird dar­un­ter erheb­lich lei­den. Das UNESCO Welt­na­tur­er­be Wat­ten­meer ist bedroht.

Wie kann das Wat­ten­meer mit dem Mee­res­an­stieg mit­wach­sen?

Watt­flä­chen, Salz­wie­sen und Dünen dro­hen zwi­schen dem stei­gen­den Meer und den Dei­chen ein­ge­quetscht zu wer­den. Wir müs­sen der Natur mehr Raum geben, um sich aus­zu­brei­ten und zu ver­la­gern. Das Wat­ten­meer braucht mehr „Bewe­gungs­frei­heit“.

Ein Bei­spiel ist die Öff­nung von Som­mer­dei­chen, wie sie in Nie­der­sach­sen und den Nie­der­lan­den schon statt­fin­det. Davon pro­fi­tiert die Natur und die Salz­wie­sen in den ehe­mals ein­ge­deich­ten Gebie­ten kön­nen wie­der auf­schli­cken und mit dem Mee­res­an­stieg auf­wach­sen.

Eng­land: Küs­ten­schutz mit der Natur

An der eng­li­schen Küs­te wer­den sogar Dei­che ver­legt. Dadurch ent­ste­hen neue Salz­wie­sen. Das hilft auch dem Küs­ten­schutz, weil die Wel­len durch die Pflan­zen­schicht abge­bremst wer­den.
Eine sol­che Anpas­sung der Deich­li­nie kann sowohl die Sicher­heit vor Sturm­flu­ten ver­bes­sern als auch dabei hel­fen, Kos­ten zu spa­ren. Und nicht zuletzt sind sol­che sen­sa­tio­nel­len Was­ser­land­schaf­ten eine Attrak­ti­on für Besu­cher, die vor Ort auch Ein­nah­men im Tou­ris­mus brin­gen.

Das Wallasea Island Wildcoast - Projekt zeigt, wie Salzwiesen wiederhergestellt werden können, damit durch den Klimawandel das Watt nicht im Meer versinkt.
Das Wal­la­sea Island Wild­co­ast — Pro­jekt zeigt, wie Salz­wie­sen wie­der­her­ge­stellt wer­den kön­nen. © The Roy­al Socie­ty for the Pro­tec­tion of Birds (RSPB)

Siche­re Dei­che an der Nord­see

Gera­de an der Nord­see­küs­te hat der Deich­bau eine lan­ge Tra­di­ti­on und ist für die gan­ze Regi­on von gro­ßer Bedeu­tung: Vie­le Küs­ten­nie­de­run­gen wür­den ohne den Schutz der Dei­che täg­lich über­flu­tet wer­den und heu­te sind die Dei­che an der Nord­see so hoch und so sicher wie nie zuvor in der Ver­gan­gen­heit.
Eine Ver­le­gung der Deich­li­nie in man­chen unbe­wohn­ten Küs­ten­nie­de­run­gen kann aber sogar mehr Sicher­heit bedeu­ten. Denn die natür­li­che Wider­stands­fä­hig­keit der Küs­te gegen­über dem Mee­res­an­stieg lie­ße sich wei­ter aus­bau­en. Salz­was­ser beein­fluss­te Nie­de­run­gen funk­tio­nie­ren nach einer Deichöff­nung als zusätz­li­cher Puf­fer gegen Sturm­flu­ten.
Und durch ein Auf­schli­cken der Mar­schen wür­den die­se wie­der mit dem stei­gen­den Meer auf­wach­sen. Die­se amphi­bi­sche Natur­land­schaft hät­te zusätz­lich einen ech­ten Mehr­wert für die Erho­lung suchen­de Men­schen. Und sie wür­de dem Wat­ten­meer dabei hel­fen, mit dem Mee­res­spie­gel­an­stieg mit­zu­wach­sen.

Mehr Sand für das Wat­ten­meer

Steigt das Meer in Zukunft zu schnell, braucht das Wat­ten­meer zusätz­li­ches Sedi­ment, um mit­zu­wach­sen. Es kann des­halb sogar erfor­der­lich wer­den, dass wir die­sen Sedi­ment­man­gel aktiv mit Sand aus­glei­chen müs­sen. Für die Küs­te in Schles­wig-Hol­stein haben sich vie­le Betei­lig­te gemein­sam mit uns dazu in einer „Stra­te­gie für das Wat­ten­meer 2100“ Gedan­ken gemacht.

Sol­che Sand­zu­ga­ben erschei­nen auf den ers­ten Blick widersprüch­lich in einem Natio­nal­park. Sie wären auch ein gro­ßer Ein­griff, aber im Sin­ne des Natur­schut­zes. Der nöti­ge Sand soll­te aus der vor­ge­la­ger­ten tie­fen Nord­see außer­halb des Wat­ten­mee­res stam­men. Vor­her sind sorg­fäl­ti­ge Umwelt­prü­fun­gen nötig. Der Sand müss­te an „stra­te­gi­schen Posi­tio­nen“ in das Wat­ten­meer ein­ge­bracht wer­den, so dass er sich auf natür­li­chem Wege durch Gezei­ten und Strö­mun­gen ver­teilt. Wie gesagt, ein star­ker Ein­griff! Aber der beschleu­nig­te Mee­res­spie­gel­an­stieg durch den Kli­ma­wan­del stellt einen noch viel grö­ße­ren Ein­griff dar, den wir Men­schen maß­geb­lich mit ver­ur­sacht haben. Und er gefähr­det das Wat­ten­meer in sei­ner Sub­stanz. Wenn wir das Wat­ten­meer erhal­ten wol­len, müs­sen wir ihm hel­fen, mit­zu­wach­sen.

Mehr tun und wei­ter­le­sen zu Kli­ma­schutz und Wat­ten­meer

Im Moment läuft in Mar­ra­kesch die Welt­kli­ma­kon­fe­renz COP 22 und wir sind mit dem Elek­tro-Motor­rad quer durch Euro­pa auf dem Weg dahin.

Zehn wich­ti­ge Tipps für den Kli­ma­schutz zu Hau­se fin­det Ihr hier!

Und mehr zum Kli­ma­wan­del im Wat­ten­meer hier: www.wwf.de/watt/klima

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Über mich
Jannes Fröhlich

Nordlicht und als Umweltwissenschaftler für den WWF Deutschland im Wattenmeer unterwegs. Ich setze mich dafür ein, dass das Wattenmeer trotz Klimawandel künftig nicht untergeht. Im Gegenteil: Es soll mit dem Meeresanstieg mitwachsen. Unsere faszinierende Wattenmeer-Natur soll erhalten bleiben. Hier an der Nordseeküste werden wir Menschen dabei auch lernen, uns an Meeresspiegelanstieg anzupassen und mit mehr Wasser zu leben.

2 Kommentare

  1. Avatar
    Matthias H.
    18. November 2016
    Antworten

    So weit ich mich an mei­ne Zahl rei­chen Küs­ten­be­su­che erin­ne­re, Steht einer das Watt erwei­tern­den Deich­ver­schie­bung ins Hin­ter­land die teils sehr nahe am Deich lie­gen­de Bebau­ung ent­ge­gen. Auch außer­halb von Sied­lungs­ge­bie­ten wer­den sich die davon betrof­fe­nen Land­wir­te kaum ohne Ent­schä­di­gungs­zah­lun­gen bereit erklä­ren, auf ihre pro­duk­ti­ven Fel­der frei­wil­lig zu ver­zich­ten.

  2. Avatar
    21. November 2016
    Antworten

    Hal­lo Mat­thi­as H., dan­ke für den Kom­men­tar. Er macht auf einen wich­ti­gen Punkt auf­merk­sam.
    Es stimmt, Deich­ver­le­gun­gen sind in dicht besie­del­ten und land­wirt­schaft­lich inten­siv genutz­ten Küs­ten­nie­de­run­gen aus heu­ti­ger Sicht nur schwer umsetz­bar. Das Bei­spiel Wal­la­sea Island aus Eng­land macht aber Mut und zeigt, dass dies selbst auf vor­her inten­si­ver land­wirt­schaft­lich genutz­ten Flä­chen mög­lich ist. Die Flä­chen müs­sen hier­zu natür­lich vor­her erwor­ben wer­den.

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