Laza­rus-Effekt: Fünf aus­ge­stor­be­ne Tie­re, die wie­der auf­tauch­ten


Der urtümliche Quastenflosser wurde 1938 bei den Komoren wiederentdeckt. © Atypeek / iStock / Getty Images
Der urtümliche Quastenflosser wurde 1938 bei den Komoren wiederentdeckt. © Atypeek / iStock / Getty Images

Fast 30 Pro­zent der bekann­ten Tier- und Pflan­zen­ar­ten welt­weit sind laut der Inter­na­tio­na­len Roten Lis­te in ihrem Bestand bedroht! Jedes Jahr ver­lie­ren wir unwi­der­ruf­lich hun­der­te Arten, die sich über Jahr­mil­lio­nen ent­wi­ckel­ten. Weil wir Men­schen ihre Lebens­grund­la­gen ver­nich­ten, ihre Lebens­räu­men zer­stö­ren und das Kli­ma durch unse­re Emis­sio­nen auf­hei­zen. Hin­zu kommt: Wir sam­meln, jagen und fischen vie­le zu vie­le Tie­re und Pflan­zen.

Neus­te Erhe­bun­gen gehen davon aus, dass sich das Aus­ster­ben durch mensch­li­che Ein­flüs­se um etwa den Fak­tor 1000 gegen­über der natür­li­chen Rate erhöht hat.

Laza­rus-Effekt: Die Wie­der­kehr aus­ge­stor­be­ner Arten

Immer wie­der gibt es aber auch Fäl­le, bei denen Tier- und Pflan­zen­ar­ten wie­der auf­tau­chen, die schon als aus­ge­stor­ben gal­ten. Wie jüngst die Gala­pa­gos Rie­sen­schild­krö­te Che­lonoi­dis nigra phan­tasti­cus der Insel Fer­nan­di­na. Wis­sen­schaft­ler nen­nen es das Laza­rus-Phä­no­men – nach dem Mythos von Laza­rus, der von den Toten auf­er­stan­den sein soll. Hier sind fünf der pro­mi­nen­tes­ten Fäl­le:

1) La-Gome­ra-Rie­senei­dech­se

Lazarus Art: Die Gomera Rieseneidechse Gallotia bravoana) Gomera, Canary
Wie­der­ent­deckt auf La Gome­ra © Car­los-Fer­nan­dez / EPA

For­scher beschrie­ben die Art erst im Jahr 1985 anhand von his­to­ri­schen Kno­chen­fun­den. Umso grö­ßer war die Über­ra­schung, als spa­ni­sche Bio­lo­gen auf der berühm­ten ehe­ma­li­gen Hip­pie-Insel sechs leben­de Indi­vi­du­en fan­den. Der Fund­ort war ein Steil­hang direkt über einem Strand.

Von den bis zu einem hal­ben Meter lan­gen Tie­ren exis­tie­ren heu­te rund 100 Tie­re in Frei­heit. Etwa 50 wei­te­re leben in einer Zucht­an­la­ge. Die Inter­na­tio­na­le Rote Lis­te führt die Art als vom Aus­ster­ben bedroht.

2) Cha­co-Peka­ri

Erst 1974 wurden in Argentinien lebende Chaco-Pekari entdeckt. Gemeinfrei, Dave-Pape, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1791476
Erst 1974 wur­den in Argen­ti­ni­en leben­de Cha­co-Peka­ri ent­deckt.
Gemein­frei, Dave-Pape, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1791476

Auch gro­ße Säu­ge­tie­re kön­nen in schwer zugäng­li­chen Lebens­räu­men lan­ge unent­deckt blei­ben. Taxo­no­men beschrie­ben die Cha­co-Peka­ris erst­mals 1930 anhand von Kno­chen­fun­den. Man ging davon aus, dass sie aus­ge­stor­ben wären. Erst 1974 bestä­tig­ten Wis­sen­schaft­ler in Argen­ti­ni­en leben­de Exem­pla­re. Ihr Lebens­raum ist das tro­cke­ne, hei­ße und des­halb zumin­dest damals noch dünn besie­del­te Cha­co. Heu­te gel­ten sie in ihrem Ver­brei­tungs­ge­biet in Argen­ti­ni­en, Para­gu­ay und Boli­vi­en als stark gefähr­det. Denn das Cha­co ver­liert gro­ße Flä­chen durch Rodung, aus denen Vieh­wei­den und Soja-Plan­ta­gen ent­ste­hen.

3) Baye­ri­sche Kurz­ohr­maus

Im Jahr 2000 wurde im Tirol eine neue Population der Bayerischen Kurzohrmaus bestätigt CC BY-SA 4.0, Factadog, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=58250938
Im Jahr 2000 wur­de im Tirol eine neue Popu­la­ti­on der Baye­ri­schen Kurz­ohr­maus bestä­tigt
CC BY-SA 4.0, Fac­ta­dog, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=58250938

Den Laza­rus Effekt gibt es auch bei uns vor der Haus­tür. Die Baye­ri­sche Kurz­ohr­maus wur­de erst 1962 bei Gar­misch-Par­ten­kir­chen ent­deckt. 23 Tie­re wur­den gefan­gen und als neue Art bestimmt. Und schon direkt danach galt sie wie­der als ver­schol­len. Erst im Jahr 2000 fan­den For­scher im benach­bar­ten Tirol eine neue Popu­la­ti­on.

Geret­tet ist sie damit noch nicht. Trotz inten­si­ver Nach­su­che konn­ten weder in Deutsch­land noch in Öster­reich wei­te­re Vor­kom­men fest­ge­stellt wer­den. Die IUCN stuft sie wegen ihres sehr klei­nen Lebens­raums und der dor­ti­gen Habi­tatz­er­stö­rung als „vom Aus­ster­ben bedroht“ (Cri­ti­cal­ly End­an­ge­red) ein. In Deutsch­land gilt die Art wei­ter­hin als aus­ge­stor­ben.

4) Sehu­en­cas-Was­ser­frosch

Der vermeintlich letzte Sehuencas-Wasserfrosch lebte in Bolivien. Inzwischen wurden fünf weitere entdeckt. © Robin Moore / Global Wildlife Conservation
Der ver­meint­lich letz­te Sehu­en­cas-Was­ser­frosch leb­te in Boli­vi­en. Inzwi­schen wur­den fünf wei­te­re ent­deckt. © Robin Moo­re / Glo­bal Wild­life Con­ser­va­ti­on

Der Sehu­en­cas-Was­ser­frosch war eigent­lich noch nicht aus­ge­stor­ben. Nur sehr ein­sam. Der ver­meint­lich letz­te sei­ner Art leb­te allei­ne in einem Aqua­ri­um in einem Natur­kun­de­mu­se­um in Boli­vi­en. Wis­sen­schaft­ler ent­deck­ten in einem Bach am Fuße eines Was­ser­falls fünf Sehu­en­cas-Was­ser­frö­sche. Dar­un­ter auch Weib­chen. Die For­scher hof­fen, dass sich die Frö­sche fort­pflan­zen und so die sel­te­ne Art vor dem Aus­ster­ben bewah­ren.

5) Quas­ten­flos­ser (Hea­der­bild)

Die Wis­sen­schaft war sich sicher: Den Quas­ten­flos­ser gibt es nicht mehr. Und zwar seit fast 70 Mil­lio­nen Jah­ren. Bis der urtüm­li­che Fisch 1938 bei den Komo­ren wie­der­ent­deckt wur­de. 1997 fan­den Zoo­lo­gen vor der indo­ne­si­schen Insel Sula­we­si dann sogar noch eine sehr ähn­li­che zwei­te Art, den Mana­do-Quas­ten­flos­ser (Lati­me­ria mena­do­en­sis).

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Über mich
Arnulf Köhncke

Ich bin Ökologe und leite den Fachbereich Artenschutz beim WWF Deutschland. Seitdem ich vor einiger Zeit mal für knapp ein Jahr in Kambodscha gelebt und gearbeitet habe, bin ich von der Region Südost-Asien, seinen Menschen und seiner Natur fasziniert. Inzwischen arbeite ich allgemeiner an den Herausforderungen, bedrohte Arten zu schützen und dabei Umweltschutz und wirtschaftliche Entwicklung besser miteinander vereinbar zu machen. Meine Hauptarbeitsthemen sind Wilderei und der Handel mit illegalen Wildartenprodukten, vor allem Elfenbein und Nashornhorn. Gleichzeitig arbeite ich zum Schutz solcher bedrohter und ikonischer Arten wie den großen Menschenaffen, dem Eisbär, dem Großen Panda oder dem Sumatra-Nashorn.

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