Bauern produzieren Weizen, die Mühle mahlt das Mehl, Bäcker backen daraus Brötchen. Und ich gehe dort morgens hin, bezahle mein Brot und habe dadurch nicht nur den Bäcker entlohnt, sondern auch die Bauern, die das Getreide hergestellt haben. Logisch! Also warum sollte ich darüber noch weiter nachdenken? Weil in der Landwirtschaft die Realität momentan anders aussieht.
Fünf Cent müssen für den Bauern reichen
Nach meinem Weihnachtsurlaub lag der Jahresbericht des Deutschen Bauernverbandes auf meinem Schreibtisch. Bei der Lektüre wollte ich meinen Augen nicht trauen. Seite 23 ließ mich erst kurz stutzen, dann ungläubig den Kopf schütteln und letztlich sauer aufschreien. Dort steht, dass von dem einen Euro, den ich für Brot ausgebe, nur 4,8 Cent beim Bauern landen. 1955 waren es noch umgerechnet 44 Cent. Bei anderen Produkten sieht es zwar besser aus, aber im Durchschnitt bekommen die Landwirte weniger als ein Viertel vom Verkaufserlös ihrer Produkte. 1955 waren es noch 62 Prozent. Der Rest bleibt wohl in den Händen der Händler, Verarbeiter und Logistiker.
Robert Habeck, Grüner Landwirtschaftsminister Schleswig-Holsteins, brachte es bei einer Veranstaltung Mitte Januar auf den Punkt: “Die Bauern haben uns reich gemacht”. Was Habeck zu Recht meinte war, dass die Bauern die Lebensmittel immer preiswerter auf dem Markt geworfen haben und wir im Gegenzug genügend Geld haben fürs Reisen, Smartphones auch für die Achtjährigen, Fertiggerichte, Autos und sonst welchen Konsum.
Nur noch zehn Prozent des Haushaltseinkommens in Deutschland wird für Lebensmittel ausgegeben
Das große Bauernsterben
In den vergangenen Jahrzehnten wurde das Gros der Landwirte immer ärmer. Viele landwirtschaftliche Betriebe sprangen über die wirtschaftliche Klinge und mussten ihren Betrieb dicht machen. 1975 waren es noch 904.700 Bauern in Deutschland, 2014 (sind es) nur noch 286.000. Tendenz sinkend. Übrig geblieben sind die “Großen”, die immer noch größer werden. Eine weitere interessante Zahl dazu: Die meisten Landbesitzer bewirtschaften ihre Flächen nicht mehr selbst: Über 60 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche ist Pachtland. Diese Entwicklung hat jedoch noch viel weitergehende Konsequenzen – immer größere landwirtschaftliche Strukturen haben unmittelbare Auswirkungen auf unsere Artenvielfalt in der Landwirtschaft und im Boden. Damit beschäftigt sich der WWF als Naturschutzorganisation.
Arme Landwirtschaft, arme Landschaft
So hat die Landwirtschaft, die uns individuell monetär reicher und sich selbst ärmer gemacht hat, uns alle gemeinsam — unseren gemeinsamen Lebensraum ärmer gemacht. Wie?
Durch die intensive Landwirtschaft. Das heißt: kurze Fruchtfolgen, Einsatz von Pestiziden, die Trennung der Tierhaltung vom Land, keine Weidehaltung, Entwässerung von Feuchtgebieten, den satten Einsatz von synthetischen Düngern, immer größere Flächen mit noch weniger Feldrainen, Hecken, Randstreifen, Wiesen. Alle diese Prozesse führten dazu, dass praktisch alle Tier-und Pflanzenarten verschwinden, die an die landwirtschaftlich geprägten Kulturlandschaften Mitteleuropas angepasst sind. Wie etwa das Rebhuhn: Von 18 Rebhühnern, die 1990 noch auf den Äckern lebten, hat nur ein eins überlebt. (Also angenommen, Rebhühner würden so lange leben.)
Genau hier kann ich nur schreien. Die Bauernschaft wickelt sich selber ab, indem sie versucht immer billiger zu produzieren. Immer weniger Bauern überleben das und müssen schließen. Die Gesellschaft, also wir alle, haben mehr Geld in der Tasche, um einem Konsum zu frönen, der weltweit unsere Ressourcen plündert. Und gleichzeitig bleibt unsere Artenvielfalt auf der Strecke.

Ich will dies nicht. Ich will, dass es weiterhin Bäuerinnen und Bauern gibt, die unsere Landschaft erhalten und pflegen, die wirklich qualitativ hohe Lebensmittel produzieren und auch davon leben können.
Eins von 18 Rebhühner lebt noch
Klar brauchen wir dazu Gesetze, die extreme Auswüchse verhindern und wir brauchen staatliche Gelder, um besondere Leistungen für die Natur belohnen — auch wenn sie betriebwirtschaftlich nichts bringen. Ehrlich gesagt, werden unsere Steuergelder nicht ausreichen, um hier gegen die kurzfristig hohen Erträge einer intensiven Landwirtschaft anzusubventionieren. Wenn ich meinen Kinder noch Rebhühner auf dem Acker oder Kühe auf der Weide zeigen möchte und Apfelbäume im Garten, die von Bienen umflogen werden — dann muss ich selber bereit sein, mehr als nur zehn Prozent meiner Ausgaben für Lebensmittel auszugeben. Diese Signale sind wichtig, denn ansonsten wird der ruinöse Preiskampf nach unten, der von weiten Teilen des Lebensmitteleinzelhandels geführt wird, nie aufhören. Das Argument lautet: Für die Deutschen ist der Preis, mit Abstand der entscheidende Faktor beim Einkauf. Eine vierköpfige Familie gibt in Deutschland monatlich nur 370 Euro für Lebensmittel aus, also drei Euro pro Tag und Person. Nur 70 Cent davon gehen an die Landwirte, für die Produktion von Weizen, Gemüse, Obst, Fleisch.
Ja, es gibt eine große Anzahl von Menschen in Deutschland, für die es einen Unterschied macht, ob der Einkauf einen oder zwei Euro mehr kostet. Aber Hand aufs Herz: Bei einer Mehrzahl von uns, geht es hier nicht um die Existenz — sondern darum, ob ich alle zwei oder drei Jahre ein neues Handy oder eine neue Klamotte kaufe.
Das Problem liegt bei der Politik. Diese fördert mit dem Steuersystem industrielle großräumige Strukturen und vernachlässigt eine ökologische Lebensmittelerzeugung.
Industrielle Landwirtschaft und Massentierhaltung nehmen einer traditionellen Erzeugung die Basis. Ausbeutung von Resourcen wird politisch belohnt, eine Agrarlobby macht die Gesetze.
Hallo Matthias,
toller Beitrag!!
Doch was soll ich nun tun?
zum Bauern direkt fahren und dort einkaufen?
Gibt es Produkte, Zwischenhändler, Firmen die den Bauern gerechten Lohn bezahlen?
Wenn du Bio einkaufst, leistest du einen echten Beitrag.
ich bin zwar auch der Meinung das unsere Lebensmittel zu billig sind, aber das heer das von hartz 4 und grundsicherung leben muss kann nicht mehr zahlen. wie also das Problem lösen ?
Ich stimme Herrn Hohberg zu.
Ungefähr 5 Millionen Deutsche sind arbeitslos, das ist die Realität, wenn man die ganzen Erwerbslosen, die gerade in einer Umschulung oder krank oder “zu alt” sind, wieder in die Statistik einrechnet.
Und diese Millionen Leute können sich wirklich keine teuren Lebensmittel leisten.
Das Problem ist nicht allein der Verbraucher, da machen es sich alle etwas zu einfach. Wenn ich beispielsweise nur ein Produkt angeboten bekomme, kann ich nur dieses eine Produkt kaufen.
Außerdem muss diese verfehlte Subventionspolitik endlich aufhören und die Landwirte, die ökologisch wirtschaften, sollten belohnt werden und nicht die, die immer mehr produzieren und dabei alles Andere dem Profit unterordnen.
Ich lebe von Hartz 4 weil ich durch einen nicht verschuldeten Reitunfall nicht mehr richtig arbeiten kann und erhalte pro Monat ca 100€ Einkünfte aus Yogakursen. Mir stehen 420€ pro Monat zur Verfügung für Nebenkosten (Stron, Telefon, Inernet, Essen, Haushaltsbedarf, öffentliche Verkehrsmittel,…). Ich verzichte auf Handy, Fernseher, Kino, ausgehen, Geldausgaben jeder Art, weil mir ökologische Nahrungsmittel wichtig sind und ich einen Beitrag für die Erde leisten möchte. Ich gebe etwa 250€ pro Monat für Nahrungsmittel und Quellwasser aus. Ich habe manchmal nicht mehr zu essen, aber ich möchte lieber das unterstützen, was gut für die Erde und uns alle, die Gesundheit, ist. Für mich ist das Essen definitiv nicht “zu billig” aber ich denke, vielen Menschen ist die Erde egal und auch die Konsequenzen ihres Handelns für sich, die Erde und die anderen — sie schauen nur, wie sie sparen können. Ich finde nicht, dass biologisch angebaute Nahrungsmittel von ökologisschen (demeter) Bauern noch teurer werden sollten, sondern das die Biologische gift- und gewaltfreie Landwirtschaft unterstützt werden sollte, anstatt immer billig zu produzieren und so zu tun, als gäbe es kein Morgen und keine Verantwortung. Das bezieht sich auch auf die qualvolle Tierhaltung und der brutale Umgang mit dem Leben dieser Lebewesen. Es sind doch diejenigen, die einkaufen, die sich verantwortungslos entscheiden plus die falschen Subventionen, die das Problem verursachen. Wie kann man das Problem denn an der Wurzel lösen ? Ich finde, Gift gehört nicht auf die Erde und auch nicht ins Wasser, ebenso wenig wie Gentechnik usw.. Diejenigen, die das nicht möchten werden von den Verantwortungslosen immer mit ins Unglück gerissen.……Ich hoffe sehr, dass alle etwas bewusster werden und verstehen, dass sie sich für eine bessere Erde engagieren können durch ein verändertes Konsum- bzw Einkaufsverhalten. Wenn jemand dazu gute Ideen hat, würde mich das sehr interessieren.
Der Strukturwandel ist wahrscheinlich von der Politik gewollt. Durch den Slogan „Wachsen oder weichen” werden viele Landwirte zum Größenwahn verführt. Die Folgen sind:
Preisverfall durch Überproduktion, Massentierhaltung und seine Folgen, siehe Bayernei, der normale Bauer wird durch den Preisdruck wegrationalisiert, die Dorfgemeischaft geht kaputt und die, die übrigbleiben, haben politisch kein Gewicht mehr. Nutznieser sind die Industrie, die Bank und die Discounter.
Danke für diese Kommentare!
Eins wollte ich mit meinem Beitrag garantiert nicht: Menschen schlecht machen, weil sie wirtschaftlich schlecht gestellt sind. Mir ist völlig klar, dass es viele Menschen in Deutschland gibt, die in der Tat keine finanziellen Möglichkeiten haben, um mehr für ihr Essen auszugeben. Völlig klar, dass der Hartz V – Satz für die Ernährung extrem knapp ist. Gleichzeitig beträgt das mittlere Netto-Einkommen laut Statistischen Bundesamt pro Haushalt im Jahr 2014 knapp 4100 €. Und ja, ich glaube, dass bei denjenigen, die ein gutes Einkommen haben, über ihre Ausgaben nachdenken sollten. Mit ist auch klar, dass wir in unserer Gesellschaft ein Wertesystem haben, das es schwierig macht, gegenüber anderen zu vertreten, warum das Handy oder die Klamotte nicht mehr top aktuell sind. Und hier spreche ich, als Vater von drei Kindern, aus Erfahrung.
In erster Linie ging es mir in meinem Beitrag darum aufzuzeigen, dass der Stellenwert für Nahrung in unserer Gesellschaft, wie man an den Durchschnittsausgaben für Nahrung sehen kann, sehr niedrig ist.
Gleichzeitig ist der durchschnittliche Verdienst der Landwirte so gering, dass sie einerseits wirtschaftlich nur schwer über die Runden kommen und andererseits auf alle Forderungen der Umweltschutzes , negativ reagieren.
Und ja, dann habe ich sogar teilweise Verständnis. Denn wenn Signale von der Gesellschaft kommen, dass die Landwirte mehr Natur- und Umweltschutz leisten sollen — gleichzeitig ist bei einer Mehrheit der Deutschen, der Preis der ausschlaggebende Faktor beim Kauf ist, auch wenn sie gut verdienen. Klar, dass die Händler den Preisdruck sofort an die Erzeuger weitergeben bzw. in Preisverhandlungen nutzen.
Um dieses Problem zu lösen, muss an vielen Stellen etwas verändert werden.
Dazu gehört auch ein politisches System, indem die Leitplanken sich an Nachhaltigkeit orientieren. Das heißt, dass Gesetze die Produzenten schützen, die unsere natürlichen Ressourcen schützen. Nicht alles, was technisch möglich ist, darf erlaubt sein. Außerdem bedarf es neuer Vermarktungsideen, die gerne auch vom Deutschen Bauernverband (DBV), entwickelt werden dürfen.
Der WWF setzt sich für eine Agrarpolitik ein, die, die Lebensräume bewahrt. Die Landwirtschaft unterstützt, die den Einsatz von Inputs, wie synthetische Dünger reduziert und die tierischen Dünger (Mist und Gülle) wieder ökologisch verteilt.
Zu den Zielen des WWF gehört es auch, dass die europäische Agrarpolitik (kurz GAP) Landwirte wirtschaftlich unterstützt, die Öffentliche Güter, wie Boden, Wasser oder biologische Vielfalt schützen.
Aber eins ist auch klar: Die Politik wird es nicht schaffen die Differenz zwischen derzeit erlaubten Praktiken und nachhaltiger Landwirtschaft auszugleichen. Landwirte brauchen ein vernünftiges Einkommen, auch wenn sie wegen ökologisch notwendigen Extensivierungsmaßnahmen, weniger produzieren können.
Und wenn unser Essen in Deutschland teurer wird, weil die Preise dann auch eine verbesserte ökologische Leistung widerspiegeln, müssen logischerweise unsere Sozialsysteme darauf reagieren.
Das erstaunliche daran ist ja, dass gerade der Bauernverband, mit seiner Hörigkeit zur Agrarindustrie, die Bauern in diesen Wahnsinn schlamasselt hat. Anstatt auf Bauernhöfe für lokalen Sinn zu setzen, plädierten diese Irren und ihre Lobbyisten auf WACHSTUM WACHSTUM WACHSTUM und AGRAFABRIKEN. Das Rennen machen jetzt die Biobauern und das zu Recht !!