Sind euch auch in letzter Zeit die vielen Klimaneutralitätslabels auf Produkten aufgefallen? Im Supermarkt scheinen es immer mehr zu werden: auf Hähnchenfleisch, Thunfischpizza, Schokolade oder sogar tiefgekühlten Riesengarnelen, die in vietnamesischen Mangrovenwäldern gefischt wurden.
Wie kann ein Produkt überhaupt klimaneutral sein? Ich beobachte den Markt der Klimaneutralitätssiegel seit rund zwei Jahren. Hier möchte ich euch einen kleinen Überblick über ein sehr komplexes Thema geben und begründen, warum Klimaneutralitätssiegel nicht zur Einhaltung der Klimaziele von Paris beitragen.
Was bedeutet „klimaneutral“?
Klimaneutralität ist das wichtigste politische Ziel unserer Zeit, die Mammutaufgabe unserer Generation. Mehr als 130 Regierungen und zahlreiche große private Firmen haben Klimaneutralitätsversprechen abgegeben. Wir müssen bis Mitte des Jahrhunderts in einer klimaneutralen Gesellschaft leben, wenn wir als Spezies überleben wollen, sagt der 1.5°C Special Report on Global Warming des Weltklimarates IPCC.
Wie wir dies erreichen und die Erderhitzung bei rund 1,5 Grad stoppen können, ist im Klimaabkommen von Paris klar beschrieben: Wir müssen die Menge an menschengemachten Klimagasen, die wir in die Atmosphäre emittieren, auch wieder daraus entfernen. Nur so haben wir eine Chance, dass die Ökosysteme, von denen unser Überleben abhängt, nicht völlig aus den Fugen geraten. Dieses Ziel der Klimaneutralität kann nur global und nur in der Zukunft erreicht werden – nicht auf der Ebene einzelner Firmen oder Produkte.
Produktsiegel sollten Orientierung bieten
Der Sinn und Zweck von Produktsiegeln ist es, Kund:innen darüber zu informieren, dass Hersteller:innen mehr als die gesetzliche Norm geleistet haben. Beispiel Bio: Es gibt gesetzlich definierte Kriterien für das EU-Biosiegel, die über die konventionelle Landwirtschaft hinausgehen. Für Naturland und Demeter gibt es Kriterien, auf die sich verschiedene Marktakteure geeinigt haben (Multi-Stakeholder-Ansatz). Alle Biosiegel dürfen nur aufgedruckt werden, wenn die jeweiligen Kriterien nachgewiesenermaßen eingehalten werden.

„Klimaneutral“ nicht rechtlich geschützt
Das Klimaneutralitätssiegel ist kein Qualitätsversprechen, denn es unterliegt keinerlei gesetzlichen Regelungen oder verbändeweit erarbeiteten Mindeststandards. Jedes Unternehmen füllt den Begriff mit anderen Inhalten. Das reicht vom aus Industrieabfällen selbstgebastelten „Permafrostboden“ bei Floridaeis über mysteriöse Schlangengurken, die 70-mal mehr CO2 speichern können als Mischwälder, ohne dass dafür eine Berechnung präsentiert würde, bis hin zu Kompensationsdienstleistern wie Climate Partner, MyClimate, Fokus Zukunft, NatureOffice, Carbon Trust und anderen. Jede:r gestaltet sich ein eigenes Klimaneutralitätssiegel. Deshalb gibt es eine Fülle unterschiedlicher Siegel im ohnehin schon unübersichtlichen Siegel-Dschungel.
Was alle gemeinsam haben: Sie suggerieren den Kund:innen, dass das Produkt besonders nachhaltig und klimafreundlich ist. Keines der Unternehmen trifft Maßnahmen, um ihre Lieferkette, Produktion oder Produktauswahl so umzugestalten, dass sie dem Versprechen der Klimaneutralität gerecht würden. Kein einziges der Klimaneutralitätssiegel steht für Klimaneutralität im Sinne der Einhaltung des 1,5‑Grad-Limits aus dem Paris-Abkommen.
Klimaneutralitätssiegel stehen nicht für Treibhausgasreduktion
Für 1,5 Grad ist eine massive Reduktion des Treibhausgasausstoßes unerlässlich. Nur ein winziger Rest an Emissionen wird künftig durch den dauerhaften Entzug von CO2 aus der Atmosphäre kompensiert werden können. In Deutschland gibt es gesetzlich verankerte Reduktionsziele: bis 2030 um 65% und bis 2045 um 100% verglichen mit dem Stand von 1990. Dass auch die Privatwirtschaft staatlichen Zielen verpflichtet ist, entschied ein niederländisches Gericht im Fall Friends of the Earth vs. Royal Dutch Shell. Doch keines der Klimaneutralitätslabels setzt nennenswerte Reduktionsbemühungen voraus. Auch eine CO2-Entnahme aus der Atmosphäre findet nicht statt. Somit wird „Klimaneutralität“ zertifiziert, obwohl das Ambitionsniveau unter dem gesetzlich erforderlichen Mindeststandard zur Treibhausgasreduktion geschweige denn das Ziel der Klimaneutralität erreicht würde. Das 1,5‑Grad-Limit kann so nicht eingehalten werden.

Veraltete Kompensations-Logik
Die Idee, dass man Treibhausgasemissionen gegen vermeintliche Reduktionen aus Klimaschutzprojekten gegenrechnen kann, stammt aus dem Kyotoprotokoll. Unter Kyoto mussten nur die Industriestaaten (Annex‑1 States) Klimaziele erfüllen. Statt zuhause, also z.B. in Deutschland, für ernsthafte Reduktionen zu sorgen oder gar aus den fossilen Brennträgern auszusteigen argumentierte man, dass es egal sei, wo auf der Welt Emissionen reduziert würden, da ja alle in dieselbe Atmosphäre hinein emittieren würden. Deshalb finanzierten Industrieländer Klimaprojekte in Entwicklungsländern (Non-Annex 1 States), um die dort vermeintlich erzielten Reduktionen gegen ihre eigenen Emissionen gegenzurechnen. Dieses Modell haben sich Unternehmen für den privaten Kompensationsmarkt, auf dem wir die Klimaneutralitätssiegel finden, abgeschaut.
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Unter dem Paris-Abkommen haben alle Länder Reduktionsziele, sodass die Kompensationslogik nicht mehr ohne Weiteres funktioniert. Die genauen Regeln und Verwaltungsabläufe für den neuen staatlichen Kompensationsmarkt sind international noch nicht abschließend verhandelt.
Viele Unternehmen beziehen sich darauf, dass der private Kohlenstoffmarkt nicht den veränderten Bedingungen des Paris-Abkommens unterliegt, sondern komplett unreguliert ist. Sie handeln noch immer Zertifikate, die schon unter der Kyoto-Logik höchst umstritten und klimatechnisch überwiegend wirkungslos waren und auf dem staatlichen Markt heute nicht mehr unbedingt ausgegeben würden. Paris konforme Zertifikate gibt es aufgrund der bisher fehlenden Verwaltungsmechanismen (Stichwort Corresponding Adjustments) bisher nicht – auch nicht auf dem staatlichen Markt. Der private Kompensationsmarkt trägt also nicht zur Erreichung der Klimaziele von Paris bei. Zudem trägt die Reduktion von Treibhausgasen irgendwo anders auf der Welt nicht zur heimischen Reduktion und dem damit einhergehenden dringend benötigten Systemwandel und dem Ausstieg aus fossilen Brennträgern bei.
Siegel basieren auf intransparenten CO2-Berechnungen
Die Berechnung eines CO2-Fußabrucks ist eine äußerst komplexe und oftmals teure Angelegenheit, insbesondere bei Lebensmitteln. Ein und dasselbe Produkt kann sehr unterschiedliche CO2-Fußabdrücke haben. Es macht einen Unterschied, ob die Tomate in einem beheizten Gewächshaus oder im Freiland gewachsen ist, ob sie eingeflogen oder um die Ecke gepflückt wurde. Datenbanken geben oft nur Durchschnittswerte an. Manchmal werden mangels eigener Daten auch die Datenbanken anderer Länder konsultiert, etwa die französische Datenbank Agribalyse. Diese bietet trotz einiger Kritikpunkte zwar eine deutlich umfassendere Datengrundlage als deutsche Datenbanken. Aber diese Daten sind eben für den französischen Kontext erhoben und stimmen für in Deutschland verkaufte Produkte nicht unbedingt.
Für die meisten angeblich klimaneutralen Produkten wird der CO2-Abdruck nicht angegeben und wenn, dann nie mit kompletter CO2-Fußabdrucksberechnung. Die verwendeten Daten und Systemgrenzen, ihre Vollständigkeit und Plausibilität lassen sich somit nicht nachvollziehen. Vielmehr vermitteln Kompensationsanbieter, dass eine Fußabdrucksberechnung einfach sei, wie etwa MyClimate oder Nature Office mit ihren Onlinerechnern.
Mit dem WWF-Newsletter nichts mehr verpassen!Darüber hinaus werden von Kompensationsdienstleistern nur Scopes 1 und 2 des Greenhouse Gas Protocols berechnet. Grob gesagt bedeutet dies, dass hauptsächlich die Emissionen auf dem Fabrikgelände des Unternehmens betrachtet werden, nicht aber die für Anbau, Düngung, Landnutzungsänderung, Transport oder andere vor- und nachgelagerte Emissionen (Scope 3). Gerade bei Lebensmitteln fällt ein Großteil der Emissionen aber in Scope 3 an.
Aus Gründen der Transparenz und Nachprüfbarkeit sollten Unternehmen die CO2-Fußabdruckberechnungen ihrer Produkte publizieren – mit Daten, Methoden und Systemgrenzen. Eine jährliche Veröffentlichungspflicht würde Unternehmen Anreize setzen, ihre Emissionen tatsächlich zu reduzieren. Zum Beispiel, indem die klimaschädlichsten Waren aus der Produktpalette ausgelistet werden.
Erlogene Glaubwürdigkeit bei Climate Partner
Klimaneutralitätssiegel sind ganz klar kein Instrument für wirksamen Klimaschutz. Mein Vertrauen steigt erst recht nicht, wenn z.B. Climate Partner seine Glaubwürdigkeit vorzutäuschen versucht. Das Unternehmen wirbt damit, auf Siegelklarheit.de von der Bundesregierung empfohlen zu werden. Siegelklarheit.de hat ClimatePartner allerdings gar nicht bewertet. Ein Grund kann mangelnde Glaubwürdigkeit sein.

Ebenso dubios: die Mehrheitsverhältnisse von „FokusZukunft“. Das Siegel wurde von der Friedrich Scharr KG aufgekauft, einem Energie- und Wärmeversorger, der hauptsächlich fossile Brennmittel vertreibt wie Heizöl und Flüssiggas. Um das 1,5‑Grad Limit einzuhalten, müssten wir aus der Nutzung fossiler Brennträger aussteigen. Fokus Zukunft hingegen stellt sich selbst Zertifikate über seine eigene Klimapositivität aus.

Klimaneutralitätssiegel sollten verboten werden
Klimaneutralitätslabels tragen nicht zur Einhaltung der Klimaziele von Paris bei. Im Gegenteil: Selbst wenn alle Produkte und Unternehmen nach der heutigen Logik mit Klimaneutralitätssiegeln zertifiziert würden, würden die Emissionen weiter steigen. Dann würde die Menschheit klimaneutral aussterben. Um dies zu verhindern und Greenwashing und Verbrauchertäuschung zu beenden, sollten Klimaneutralitätslabels verboten werden.
Aufgrund verschiedener Klagen und Kampagnen haben einige Unternehmen sich bereits von Klimaneutralitätssiegeln distanziert. Nun müssen wir darauf achten, dass sich keine anderen Siegel einschleichen, die zwar eine andere Geschichte erzählen aber ähnlich wenig Klimanutzen bringen.
Sinnvoller als Klimaneutralitäts-Greenwashing wäre ein differenziertes Nachhaltigkeitssiegel, das Auskunft über verschiedene Umwelteinflüsse eines Produktes gibt, also neben dem Treibhausgasausstoß auch etwa zu Biodiversität, Wasserverbrauch und sozialen Standards. Basierend auf einem solchen Nachhaltigkeitssiegel könnte dann eine Nachhaltigkeitssteuer erhoben werden, damit nachhaltigere Produkte im Vergleich zu weniger nachhaltigen günstiger werden. Dies würde die dringend benötigte Ernährungswende hin zu einer pflanzenbetonen Ernährung vorantreiben und die nachhaltigste Wahl auch zur preislich attraktivsten machen.
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