Landwirtschaft für statt gegen Artenvielfalt


Felder und Wiesen: Lebensraum für Wiesenvögel, Amphibien und Wildkräuter
Felder und Wiesen: Lebensraum für Feldhasen, Wiesenvögel, Amphibien und Wildkräuter © F. Gottwald

Über 50 Prozent der Fläche Deutschlands wird für landwirtschaftliche Zwecke genutzt. Landwirtschaft prägt den Lebensraum von Tieren und Pflanzen. Die intensive Nutzung der konventionellen Landwirtschaft verändert Äcker, Wiesen und Weiden grundlegend. Ehemals weit verbreitete Arten wie den Feldhasen oder das Braunkehlchen bekommen wir daher in Deutschland immer seltener zu Gesicht. Viele Ackerwildkräuter verschwinden mehr und mehr aus dem Landschaftsbild. Ebenso ergeht es zahlreichen Insekten und Amphibien.

Landwirtschaft und Artenvielfalt müssen kein Widerspruch sein

Es gibt Möglichkeiten, Flächen so zu bewirtschaften, dass sie weiter Lebensraum für wildlebende Tier- und Pflanzenarten sind. Insbesondere der Ökologische Landbau bietet dafür gute Voraussetzungen. Schon geringe Änderungen in den Bewirtschaftungsverfahren können eine hohe Wirkung entfalten, zum Beispiel ein veränderter Zeitpunkt für die Mahd oder das Stehenlassen von Randstreifen im Grünland oder Ackerland. Bisher sind Maßnahmen, welche die Artenvielfalt fördern, nicht konkret und systematisch in die Richtlinien der ökologischen Verbände integriert. Trotz Empfehlung des Sachverständigenrats für Umweltfragen der Bundesregierung: Ein „Naturschutz-Siegel“ fehlt bislang in den Anbaurichtlinien für den Ökolandbau.

Laubfrosch
Laubfrosch © Wild Wonders of Europe, Dietmar Nill

Naturschutzstandard für den Ökolandbau

Hier setzt das Modellprojekt „Landwirtschaft für Artenvielfalt“ an, in dem ich seit Herbst 2011 für den WWF aktiv mitarbeite. In Zusammenarbeit mit dem Ökologischen Anbauverband Biopark entwickeln und erproben wir einen solchen Naturschutzstandard. Das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF e.V.) begleitet uns dabei wissenschaftlich. Das Land Mecklenburg-Vorpommern sowie EDEKA unterstützen das Projekt ebenfalls.

Grundlage für den Naturschutzstandard ist ein Katalog mit rund 70 Naturschutzmaßnahmen und -leistungen. 40 Experten aus den Bereichen Naturschutz und Landwirtschaft haben diese Maßnahmen erarbeitet. Jede von ihnen ist mit einer Punktzahl hinterlegt. Die Punktzahl basiert auf der Einschätzung der Experten, wie effektiv die Maßnahme für den Schutz von wildlebenden Tier- und Pflanzenarten sowie deren Lebensräumen ist. Für den Naturschutzstandard muss ein landwirtschaftlicher Betrieb eine Mindestpunktzahl erreichen.

Von der grauen Theorie in die grüne Praxis

Papier ist bekanntlich geduldig und die Wahrheit liegt auf dem Acker. Also erproben wir den Naturschutzstandard seit drei Jahren in der Praxis. Unsere „Versuchslandwirte“ gehören zum Anbauverband Biopark. Sie machen freiwillig mit. Naturschutzfachliche Berater unterstützen sie. Denn kein landwirtschaftlicher Betrieb ist wie der andere. Entsprechend unterscheidet sich auch die Auswahl der Maßnahmen aus dem Katalog der Naturschutzmaßnahmen von Betrieb zu Betrieb. Die naturschutzfachlichen Berater kontrollieren derzeit auch die Umsetzung der Maßnahmen. Mittelfristig sollen das unabhängige Kontrollstellen im Rahmen der jährlich stattfindenden Verbandskontrollen mit übernehmen.

Gutes Beispiel: Grünland für Wiesenvögel

Einer der „Versuchslandwirte“ ist Ökobauer Gottfried Marth. Er bewirtschaftet rund 300 Hektar Ackerland und 475 Hektar Grünland – und letzteres ist beliebt bei Wiesenvögeln: Viele Grünlandflächen düngt Gottfried Marth nicht, er mäht sie erst spät im Jahr und walzt sie erst nach der Brutzeit. Auch nimmt er Teilflächen des Grünlandes für eine bestimmte Zeit aus der Nutzung. Das ist gut für Braunkehlchen, Wiesenpieper und Feldlerche, deren Brutgelege sonst wohl dem Mäher zum Opfer fielen. Es sind allesamt Arten, die sich vormals in Feld und Wiese sehr wohl gefühlt haben, deren Bestände durch die Intensivierung der Landwirtschaft jedoch dramatisch zurückgehen.

Im Grünland und auf den Ackerflächen des Betriebes von Gottfried Marth liegen zudem mehrere Kleingewässer. In ihnen tummelt sich unter anderem die europaweit geschützte Rotbauchunke. In der Umgebung dieser Tümpel lässt Marth Randstreifen mit Gehölzen oder extensiv gepflegte Grünlandstreifen stehen. Dort können die Unken bei Ausflügen an Land nach Nahrung suchen und nach der Laichzeit den Sommer verbringen.

Feldrittersporn
Feldrittersporn © F. Gottwald

Mehr Naturschutz gibt es nicht umsonst

Viele Ökobetriebe sind sehr daran interessiert, mehr für den Naturschutz zu leisten. Aber ihnen sind aus finanziellen Gründen sehr enge Grenzen gesetzt. Denn richten Ökolandwirte wie Gottfried Marth ihre Bewirtschaftung stärker an den Bedürfnissen von Tieren und Pflanzen aus, bedeutet das in der Praxis für sie häufig: Es gibt Einbußen beim Ertrag, die Futterqualität mindert sich, dafür aber erhöht sich die Arbeitszeit der Mitarbeiter und die Abläufe auf dem Betrieb werden komplexer. Wenn ein Bauer beispielsweise den Acker nicht direkt nach der Getreideernte wieder umpflügt, können Ackerkräuter zur Samenreife gelangen. Er muss dann aber zu einem späteren Zeitpunkt erneut ausfahren und den Acker für die neue Aussaat vorbereiten. Auch die Pflege oder Neuanlage von Landschaftselementen wie Hecken oder Kleingewässern ist aufwändig.

Eine Vergütung solcher Naturschutzleistungen, die der Landwirt schließlich für die gesamte Gesellschaft erbringt, ist dringend notwendig!

Ein möglicher Weg: Während der Laufzeit des Modellprojektes „Landwirtschaft für Artenvielfalt“ garantiert EDEKA Nord den teilnehmenden Betrieben die Abnahme der Erzeugnisse und honoriert den Mehraufwand bei den Erzeugerpreisen. Die erzielten Einnahmen zahlt die Biopark Markt GmbH den teilnehmenden Betrieben als „Naturschutzprämie“ aus. Im Vertriebsgebiet von EDEKA Nord erhältlich, tragen die betreffenden Produkte neben dem EU-Biosiegel und dem Logo von Biopark das grüne „Landwirtschaft für Artenvielfalt“-Logo.

Ein Modell für die Zukunft

Über 50 Betriebe des Ökologischen Anbauverbandes Biopark in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein erfüllen bereits die Auflagen des Naturschutzstandards. Mit dem Ende der Projektphase in 2017 wollen wir den Standard so weit gebracht haben, dass er von anderen Verbänden der Ökologischen Landwirtschaft gut und gerne übernommen und umgesetzt wird. Denn je mehr Verbände und damit landwirtschaftliche Betriebe den Naturschutzstandard umsetzen, desto besser für die Artenvielfalt!

Mehr über das Modellprojekt „Landwirtschaft für Artenvielfalt“ erfahren
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Über mich
Tanja Dräger

Ernährung. Landwirtschaft. Artenvielfalt. Alles Themen, die mich umtreiben. Mich beruflich und privat beschäftigen. Die Spaß machen. Seit 2005 für den WWF. Seit 2007 als lang angelegter Versuch in unserer vierköpfigen Familie – als Fischkopf aus dem Norden kommend, die zweite Hälfte vom Äquator. Woher kommt unser Essen? Auch bei uns ein ganz private Frage. Und ein Dazulernen ohne Ende.

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