Fische­rei: Gegen den Kahl­schlag in der Tief­see


Tiefsee schönheit: Polypen der Lophelia pertus Koralle auf einem Riff im Trondheim Fjord, Norwegen. Riffe wwreden besonders von der Tiefseefischerei mit Grundnetzen beschädigt
Die fragile Schönheit einer Kaltwasserkoralle hat gegen ein tonnenschweres Grundschleppnetz natürlich keine Chance © Erling Svensen / WWF

Boden­schlepp­net­ze ver­wüs­ten die Tief­see wie Bull­do­zer den Regen­wald. Das hat jetzt auch die EU ein­ge­se­hen. Wir hel­fen das neue Ver­bot durch­zu­set­zen.

Vier Jah­re hat­ten die Mara­thon-Ver­hand­lun­gen gedau­ert, Ende Juni 2016 war es dann soweit: Die EU ver­bie­tet das Fischen mit Boden­schlepp­net­zen in der Tief­see ab 800 Meter in ihren Gewäs­sern — und zusätz­lich für ihre Fang­schif­fe, wenn sie auf der Hohen See west­lich vor Afri­ka ope­rie­ren. Die neue Rege­lung betrifft 4,9 Mil­lio­nen Qua­drat­ki­lo­me­ter. Wir Umwelt­schüt­zer der Deep Sea Con­ser­va­ti­on Coali­ti­on (DSCC) mach­ten bei dem Ver­bot Druck.

Euro­pas Rif­fe: Schützt die Kalt­was­ser­ko­ral­len!

Bodenschleppnetze rasieren den Boden der Tiefsee. Riffe, Korallen und Bodenlebenwesen sind verloren. Der WWF setzt sich für ein Verbot ein.
Bull­do­zer der Tief­see © Bri­an J. Sker­ry / Natio­nal Geo­gra­phic Stock / WWF

Schon zuvor waren ein­zel­ne Tief­see-Flä­chen im Nord­ost­at­lan­tik für Boden­fi­sche­rei gesperrt wor­den, zusam­men so groß wie Deutsch­land. Doch die­se Schlie­ßun­gen muss­ten wir in den letz­ten 20 Jah­ren noch ein­zeln erkämp­fen: Nor­we­gi­schen, bri­ti­schen und deut­schen Wis­sen­schaft­lern haben wir es zu ver­dan­ken, dass Ende der 1990er Jah­re der gewal­ti­ge Umfang der Kalt­was­ser­ko­ral­len­rif­fe vor den Küs­ten Euro­pas, ihr Arten­reich­tum, aber auch das Aus­maß der Zer­stö­rung bekannt wur­de. Die lang­sam wach­sen­den Rif­fe gibt es bis in 4000 Metern in der Tief­see. Sie beher­ber­gen mehr als tau­send Arten — und erstre­cken sich genau­so weit wie das Gro­ße Bar­rie­re Riff vor Aus­tra­li­en!

Schutz der Tiefsee im atlantik: Wo das Fischen mit Grundschleppnetzen schon verboten ist
Wo die Bull­do­zer des Meers­grun­des ver­bo­ten sind © ospar

Die Wis­sen­schaft­ler fan­den her­aus, dass in den nor­we­gi­schen Gewäs­sern schon 30–50 Pro­zent der Rif­fe durch Fische­rei mit ton­nen­schwe­ren Boden­schlepp­net­zen unwie­der­bring­lich zer­stört waren. Nor­we­gens Regie­rung zog die Not­brem­se. Sie sperr­te ihre Rif­fe für die­se zer­stö­re­ri­sche Fang­me­tho­de. Der WWF ver­gab für die­se Maß­nah­me sei­ne höchs­te Aus­zeich­nung.

 

Mit die­sem klei­nen Video­clip und ande­ren Werk­zeu­gen warb ich zusam­men mit dem WWF-Kam­pagn­en­team damals für den Schutz der Rif­fe in ande­ren Staa­ten, bei der EU und inter­na­tio­na­len Fische­rei­gre­mi­en. Und der Fun­ke sprang schließ­lich über: Als ers­te Tief­see­struk­tur wur­den die Dar­win Mounds nord­west­lich von Schott­land für Boden­schlepp­net­ze gesperrt. Vie­le ande­re Gebie­te folg­ten, dar­un­ter gro­ße Tei­le der Gewäs­ser der Azo­ren, Kana­ri­schen Inseln und Madei­ras.

Schutz der Tief­see wird The­ma der UN

Schließ­lich fand das The­ma pro­mi­nen­te Für­spre­cher wie Sir David Atten­bo­rough. Der Schutz der Kalt­was­ser­ko­ral­len erober­te die glo­ba­le Agen­da, wie die­ser gemein­sa­me Bericht von Umwelt­pro­gramm UN, nor­we­gi­scher Regie­rung, WWF und ande­ren zeigt. Von 2004 bis 2006 ver­ab­schie­de­te die Voll­ver­samm­lung in New York Reso­lu­tio­nen zur Fische­rei, die alle Staa­ten und Fische­rei­ver­wal­tun­gen auf­for­der­ten, so genann­te Vul­nerable Mari­ne Eco­sys­tems (VMEs) wirk­sam vor Boden­fi­sche­rei zu schüt­zen. Dar­un­ter zäh­len nun unter ande­rem Koral­len­rif­fe, See­ber­ge, hei­ße Tief­see­quel­len, Koral­len­gär­ten und For­ma­tio­nen von Tief­see­schwäm­men. Es folg­ten zahl­rei­che Schlie­ßun­gen in ver­schie­de­nen Mee­res­re­gio­nen, so auch im Nord­ost­at­lan­tik, wie die Kar­te oben zeigt. Nun wird auch die EU die UN-Reso­lu­tio­nen umset­zen. Frag­los: Eine gute Nach­richt für die Tief­see­ko­ral­len­rif­fe und ihre Bewoh­ner.

Tiefsee Korallen Lophelia pertusa und ein Seefächer (Paragorgia)
Typi­sches Kalt­was­ser­riff © Erling Sven­sen / WWF

Den ille­ga­len Fischern auf der Spur — per Satel­lit

Doch wer­den die Ver­bo­te über­haupt ein­ge­hal­ten? Das möch­ten wir vom WWF auch ger­ne wis­sen! Und Öffent­lich­keit her­stel­len. Ille­ga­le Fische­rei (IUU) ist welt­weit ein gro­ßes Pro­blem. Die Fische­rei­auf­sich­ten infor­mie­ren uns nur häpp­chen­wei­se über die Satel­li­ten­da­ten der Fang­schif­fe aus dem so genann­ten Ves­sel Moni­to­ring Sys­tem (VMS). Und wel­ches Schiff unter wel­cher Flag­ge gegen die Regeln ver­sto­ßen hat, erzäh­len sie uns sowie­so nicht.

Wie das Schif­fe­ja­gen funk­tio­niert

Also haben wir unser eige­nes Sys­tem “see­Oce­an” ent­wi­ckelt. Es beruht auf den Posi­ti­ons­si­gna­len, die Schif­fe abge­ben, um Kol­li­sio­nen mit ande­ren zu ver­mei­den, dem so genann­ten Auto­ma­tic Iden­ti­fi­ca­ti­on Sys­tem (AIS). In Küs­ten­ge­wäs­sern könnt ihr Schiffs­be­we­gun­gen am Com­pu­ter selbst ver­fol­gen. Von wei­ter drau­ßen besor­gen wir uns die Daten über Satel­li­ten­pro­vi­der, fil­tern die Fang­schif­fe raus, jagen sie durch einen net­ten Algo­rith­mus, ana­ly­sie­ren ihre Bewe­gungs­mus­ter und Geschwin­dig­kei­ten. Wenn der Befund nach Schlepp­netz­fi­sche­rei aus­sieht, glei­chen wir ihn mit Daten­ban­ken ab, die die Fan­ger­laub­nis­se und ‑gerä­te des betref­fen­den Traw­lers ent­hal­ten.

Hier seht ihr etwas klar Ver­bo­te­nes!

Das kann ich heu­te alles bequem in mei­nem WWF-Büro machen! Hier seht ihr als Bei­spiel ein Ergeb­nis von der für Boden­schlepp­net­ze gesperr­ten Hat­ton Bank west­lich der bri­ti­schen Inseln. Am unte­ren Rand der geschlos­se­nen Zone ope­riert ein Boden­traw­ler offen­sicht­lich ille­gal!

Satelliten Bild des MCS auf dem illegale fischerei westlich der britischen insel in geschützten Gebieten zu erkennen
Ille­ga­len Traw­lern auf der Spur © nava­ma / WWF

Natür­lich macht Detek­tiv­ar­beit immer Spaß. Ziel ist es aber, mit den Infor­ma­tio­nen bei der EU oder der Nord­ost­at­lan­ti­sche Fische­rei­kom­mis­si­on (NEAFC) vor­stel­lig zu wer­den — und bei Ver­stö­ßen Sank­tio­nen zu for­dern.

Es ist mir selbst so auch schon gelun­gen, zusätz­li­che Sper­run­gen in Gebie­ten mit emp­find­li­chen Tief­see-Öko­sys­te­men durch­zu­set­zen.

Was kannst Du für bes­se­re Fische­rei tun?

Du isst Fisch? Dann ori­en­tie­re Dich bit­te im WWF Ein­kaufs­rat­ge­ber Fisch, auf wel­chen Du ver­zich­ten soll­test — damit Du nicht den Raub­bau der Mee­re unter­stützt. Dan­ke!

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2 Kommentare

  1. Avatar
    Ines Haak
    20. Juli 2016
    Antworten

    Plas­te­tü­ten sind schon län­ger tabu, wir ver­wen­den die guten alten Stoff­beu­tel aus DDR­zei­ten, beim Fisch­kau­fen ach­te ich auch auf die Kenn­zeich­nung, aber gegen die Schö­eppne­tue und Über­fi­schung, das Töten aus lau­ter Spass, dage­gen kann man lei­der nichts sel­ber tun. Nur hof­fen, dass ihr immer mehr Erfolg habt.

    • Avatar
      22. Juli 2016
      Antworten

      Hal­lo Ines, der WWF Rat­ge­ber zum Kauf von Fisch und Mee­res­früch­ten berück­sich­tigt nicht nur, wel­che Bestän­de scho­nend bewirt­schaf­tet bzw. über­fischt sind, er bezieht auch die Fang­me­tho­den und ihre Aus­wir­kung auf die Umwelt ein, z.B. von Boden­schlepp­net­zen.
      Gruß von Ste­phan

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