Das Rät­sel der ver­schwun­de­nen Luch­se


Luchsweibchen Leonie in der Kamerafalle
Luchsweibchen Leonie in der Kamerafalle © Luchsprojekt Bayern

Der Luchs ist bei uns streng geschützt – und doch wer­den die Kat­zen immer wie­der ille­gal getö­tet. Erst Ende April 2016 wur­de ein totes Luchs­weib­chen im Harz gefun­den. Das macht mich gleich­zei­tig wütend und besorgt. Wir haben eine hohe Beloh­nung aus­ge­setzt, denn: Sol­che Straf­ta­ten müs­sen end­lich bes­ser geahn­det wer­den!
Im Harz ist das die ers­te ille­ga­le Tötung eines Luch­ses, von der wir wis­sen. Aber aus dem Baye­ri­schen Wald zum Bei­spiel sind uns Abschüs­se und Ver­gif­tun­gen von Luch­sen lei­der schon lan­ge sehr gut bekannt.

Panorama Bayerischer Wald
Baye­ri­scher Wald © Robert Gün­ther, WWF

Den Luch­sen auf der Spur

Mit einem klei­nen WWF-Team sind wir im Baye­ri­schen Wald – hier, wo die Luch­se unse­ren Schutz beson­ders brau­chen. Der Wind pfeift eisig, Son­ne und Schnee wech­seln sich ab. Die Gegend ist bekannt für ihre lan­gen Win­ter, und jetzt – Ende April – macht der Monat sei­nem Namen alle Ehre.

Zwi­schen bemoos­ten Fel­sen klet­tern wir immer wei­ter in den unbe­rührt wir­ken­den Wald hin­auf. Dann ste­hen wir auf einer Anhö­he mit wei­tem Blick über die bewal­de­te Berg­land­schaft. „Das alles hier gehört zwei Luch­sen, die Streif­ge­bie­te der Tie­re sind rie­sig!“ Bio­lo­gin Sybil­le Wölfl deu­tet mit ihren Armen auf die enor­me Flä­che, die vor uns liegt. Sie lebt ganz in der Nähe in einer klei­nen Ansie­de­lung mit gan­zen fünf Nach­barn und beob­ach­tet die Luch­se mit Hil­fe von Kame­ra­fal­len.

Biologin Sybille Wölfl an einer Kamerafalle
Bio­lo­gin Sybil­le Wölfl an einer Kame­ra­fal­le © Robert Gün­ther, WWF

Das Rät­sel der ver­schwun­de­nen Luch­se

Ins­ge­samt leben im Baye­ri­schen Wald 10 bis 20 Luch­se. Doch es müss­ten eigent­lich viel mehr sein, denn jedes Jahr wer­den hier bis zu 12 Luch­se gebo­ren. Nun ist die natür­li­che Jun­gens­terb­lich­keit bei Luch­sen ohne­hin recht hoch, dazu kom­men aber noch über­fah­re­ne Tie­re und ille­ga­le Tötun­gen.

Leo © Luchsprojekt Bayern, Kamerafalle
Leo © Luchs­pro­jekt Bay­ern, Kame­ra­fal­le

Sybil­le Wölfl zeigt uns Bil­der von einem männ­li­chen Luchs, den sie Leo getauft hat­te. Plötz­lich war er ver­schwun­den, gefun­den wur­de er nie. „Wenn ein Luchs für meh­re­re Mona­te nicht mehr auf den Foto­fal­len nach­ge­wie­sen wird, liegt die Ver­mu­tung nahe, dass er gewil­dert wur­de. Denn hat ein Luchs ein­mal ein Revier gefun­den, gibt er es von allei­ne nicht wie­der auf.“ Man merkt der Bio­lo­gin an, wie hart es für sie ist, immer wie­der Luch­se zu ver­lie­ren. In den letz­ten sechs Jah­ren sind allein in Bay­ern min­des­tens fünf Luch­se getö­tet wor­den. Wei­te­re 14 gel­ten als ver­schol­len und die Wahr­schein­lich­keit, dass sie ille­gal getö­tet wur­den, ist hoch.

Luch­se vor der Kame­ra

Immer wei­ter geht es durch den fel­si­gen Wald, immer stei­ler nach oben. „Luch­se lie­ben Fel­sen,“ Sybil­le Wölfl bückt sich plötz­lich und riecht an einer schrof­fen Fels­kan­te. „Das ist eine Mar­kier­stel­le, hier wer­den Infor­ma­tio­nen aus­ge­tauscht, wie auf einer Pinn­wand.“ Als wir näher hin­se­hen, ent­de­cken wir gegen­über zwei dun­kel­grü­ne Metall­käs­ten, etwa auf Knie­hö­he an Bäu­men ange­bracht. Dar­in zwei Kame­ras, die aus­lö­sen, wenn sich etwas bewegt. Uns wer­den sie nun auch schon foto­gra­fiert haben. „An guten Stand­or­ten wie die­sen läuft etwa alle vier Wochen ein Luchs vor die Lin­se,“ erklärt die Bio­lo­gin und macht sich dar­an, die Spei­cher­kar­ten aus den Gerä­ten zu holen. Auch hier in die­sem unweg­sa­men Gelän­de hat sie die Kame­ras mit Ket­ten und Vor­hän­ge­schlös­sern gegen Die­be gesi­chert.

Der Fotograf und ich, von der Fotofalle aufgenommen.
In die Foto­fal­le getappt © Luchs­pro­jekt Bay­ern

Jeder Luchs hat einen Namen

Die Kame­ra­fal­len hän­gen sich fast gegen­über und foto­gra­fie­ren die Luch­se von bei­den Sei­ten. Anhand ihrer Fell­zeich­nung kann man die Tie­re von­ein­an­der unter­schei­den und iden­ti­fi­zie­ren. Sybil­le Wölfl doku­men­tiert für das Luchs­pro­jekt Bay­ern hier seit neun Jah­ren jeden ein­zel­nen Luchs. Dafür gibt sie ihnen auch Namen: Vro­ni und Veit zum Bei­spiel, oder auch Schlacks, Klei­ne Pfo­te und Gestie­fel­ter Kater.

Zwei Kamerafallen hängen sich gegenüber.
Zwei Kame­ra­fal­len hän­gen sich gegen­über © Robert Gün­ther, WWF

Der WWF unter­stützt das Foto­fal­len-Moni­to­ring der Luch­se, denn so kön­nen wir her­aus­fin­den, wo es Luch­se gibt, wie vie­le es sind und ob sich ihr Bestand gut ent­wi­ckelt — oder eben nicht, wie hier im Baye­ri­schen Wald. Das gibt uns wich­ti­ges Wis­sen für die rich­ti­gen Schutz­maß­nah­men. Wür­de man die Luchs­zah­len gar nicht erfas­sen, so wür­de man auch nicht mer­ken, dass die Tie­re spur­los ver­schwin­den.

Tie­re ken­nen kei­ne Gren­zen

Fuchs, Reh, Wild­schwein, Hund, Mensch, Mensch, Reh­bock…“, die Bio­lo­gin kom­men­tiert, was sie auf den Bil­dern aus der Kame­ra­fal­le sieht. Ein Luchs ist die­ses Mal lei­der nicht dabei. Inzwi­schen hat es ange­fan­gen zu schnei­en. Per­fek­te Spur­be­din­gun­gen. Aber die ein­zi­gen Spu­ren, die wir sehen, sind unse­re eige­nen und die von Sybil­le Wöl­fls Hün­din Maya.

Reh guckt in die Kamera, Kamerafalle
Reh in der Kame­ra­fal­le © Luchs­pro­jekt Bay­ern

Wir sind jetzt nur noch etwa 400 Meter von der tsche­chi­schen Gren­ze ent­fernt, auf der ande­ren Sei­te liegt das Land­schafts­schutz­ge­biet Sum­a­va. Den Luch­sen ist das natür­lich egal. Hier wird ganz deut­lich, wie wich­tig eine grenz­über­grei­fen­de Zusam­men­ar­beit und euro­päi­sche Natur­schutz-Richt­li­ni­en sind: Der Luchs pro­fi­tiert genau wie der Wolf von den euro­päi­schen Schutz­be­stim­mun­gen. Er darf nicht mehr bejagt wer­den und alle Mit­glieds­staa­ten der EU – auch Deutsch­land – sind ver­pflich­tet, für einen soge­nann­ten guten Erhal­tungs­zu­stand der Tie­re zu sor­gen.

Kame­ra­fal­le: Tie­re — und Men­schen auf allen Vie­ren

Bio­lo­gin Sybil­le Wölfl kniet im Schnee und wech­selt rou­ti­niert die Spei­cher­kar­ten von zwei wei­te­ren Kame­ra­fal­len. „Viel ist hier nicht pas­siert,“ sagt sie mit Blick auf ihr klei­nes Kar­ten­le­se­ge­rät. Auch die­se Kame­ras sind mit Schlös­sern gesi­chert. Kom­men hier denn wirk­lich Men­schen vor­bei? „Der Mensch ist die Tier­art, die ich am meis­ten drauf hab,“ erwi­dert die Bio­lo­gin. „Anfangs schau­ten vie­le ver­wun­dert in die Kame­ra. Inzwi­schen win­ken sie ver­gnügt hin­ein oder krab­beln sogar auf allen Vie­ren vor­bei.“

Biologin Sybille Wölfl und Moritz Klose vom WWF checken die Kamerafallenbilder
Ist ein Luchs drauf? © Robert Gün­ther, WWF

Fotos mit Men­schen löscht sie aus Daten­schutz­grün­den gleich. So kön­nen wir nie­man­den auf allen Vie­ren bewun­dern – und die­ses Mal lei­der auch kei­nen Luchs. Es sind eben sehr sel­te­ne und sehr heim­li­che Tie­re. In den gan­zen neun Jah­ren hier im Baye­ri­schen Wald hat Sybil­le Wölfl neben eini­gen Spu­ren und vie­len Fotos erst einen Luchs per­sön­lich gese­hen: „Ganz kurz, zwei Ohren, zwei Augen und dann war er schon wie­der weg. Aber man lebt ja vom Gedan­ken dar­an, dass sie hier um einen her­um sind.

Helft uns, die Luch­se zu schüt­zen: Wer­det Pate!

 

 

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3 Kommentare

  1. Avatar
    Stephan Grafe
    3. Mai 2016
    Antworten

    Ser­vus Moritz,

    Dann hast du die Sybil­le jetzt auch ken­nen­ge­lernt. Ich hat­te letz­tes Jahr im Novem­ber beim Ein­füh­rungs­se­mi­nar für’s Netz­werk das Ver­gnü­gen im bay­ri­schen Wald 🙂

    LGe Ste­phan

  2. Avatar
    Sabine Körner
    3. Mai 2016
    Antworten

    Ich habe die­sen Bei­trag mit gro­ßem Inter­es­se und Freu­de gele­sen — die­se wun­der­ba­ren Tie­re wie­der hei­misch zu machen ist eine wich­ti­ge Auf­ga­be und für Sybil­le und ande­ren Betei­lig­ten als Bio­lo­gen sicher ein Traum­job. Und immer, wenn sich Men­schen mit gan­zem Her­zen und Ein­satz hin­ter ihrer Tätig­keit ste­hen, sind Nie­der­la­gen und Ver­lus­te schmerz­haft und nur schwer hin­zu­neh­men.
    Wenn bei den Luch­sen jähr­lich 12 Jung­tie­re hin­zu­kom­men, ist der Ver­lust von eini­gen sicher unver­meid­lich — wenn aber über die Jah­re prak­tisch über­haupt kein Zuwachs zu ver­zeich­nen ist, so ist dies aus mei­ner Sicht ein Desas­ter, gegen das unbe­dingt Maß­nah­men ergrif­fen wer­den soll­ten, die auch sicht­bar zu Ergeb­nis­sen füh­ren.
    Viel­leicht beur­tei­le ich das als Außen­ste­hen­der falsch, aber ich kann mir kaum vor­stel­len, dass nur tier­has­sen­de Psy­cho­pa­then hier ihr Unwe­sen trei­ben. Viel­mehr ver­mu­te ich, dass es um die wun­der­vol­len Fel­le der Luch­se geht, die in Ost­eu­ro­pa sicher hohe Prei­se erzie­len. Soll­te mei­ne Ver­mu­tung rich­tig sein, kann ich nur emp­feh­len, in einer lang­fris­ti­gen und geziel­ten Akti­on den Tie­ren nach­zu­stel­len, sie ein­zu­fan­gen und mit was­ser­fes­ten, grel­len Far­ben eini­ge Punk­te auf den Pelz zu set­zen, so dass die Fel­le unbrauch­bar wer­den. Bei die­ser Gele­gen­heit könn­ten auch ande­re Daten erho­ben und Ursa­chen wie Krank­hei­ten, even­tu­el­le Unter­ernäh­rung durch man­geln­des Fut­ter­an­ge­bot in die­sem Gebiet, Abwan­de­rung über­prüft wer­den. Wie gesagt, ich bin nur ein Laie und viel­leicht lie­ge ich ja völ­lig falsch — aber die­ser Bei­trag über das Schick­sal der Luch­se, und anders kann man die Vor­gän­ge kaum noch bezeich­nen, hat mich sehr berührt — und auf irgend­ei­nem Wege soll­te wirk­lich etwas unter­nom­men wer­den.
    Sabi­ne E. Kör­ner 04.05.2016

    • Moritz Klose
      6. Mai 2016
      Antworten

      Hal­lo Sabi­ne, dan­ke für dei­nen Kom­men­tar! Sicher sind die Grün­de für die Luchs­tö­tun­gen viel­fäl­tig. Wir gehen aber davon aus, dass es vor­der­grün­dig nicht um die Fel­le geht, son­dern häu­fig um eine Abnei­gung gegen­über den Tie­ren oder das, wofür sie ste­hen:
      Dass die Natur nach Deutsch­land zurück­kehrt und sich man­cher­orts frei von mensch­li­cher Kon­trol­le wie­der ent­wi­ckeln dür­fen soll.
      Zudem wäre es viel zu auf­wän­dig, jeden ein­zel­nen Luchs ein­zu­fan­gen. Weni­ge Luch­se wer­den jähr­lich gefan­gen, um sie mit einem Sen­der­hals­band aus­zu­stat­ten. Manch­mal braucht es vie­le Wochen, bis die Wis­sen­schaft­ler ein Tier fan­gen kön­nen. Die Luch­se, die mit einem Sen­der­hals­band aus­ge­stat­tet wer­den, unter­sucht man im Übri­gen auch gesund­heit­lich. Man ver­misst sie und nimmt ihnen Blut ab, etc.
      Vie­le Grü­ße!

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