Ver­schol­len: Im Ber­mu­da-Drei­eck der Luch­se


Den gefährdeten Luchsen eine Stimme geben: Cassandra Steen im Bayerischen Wald. © Robert Günther / WWF
Den gefährdeten Luchsen eine Stimme geben: Cassandra Steen im Bayerischen Wald. © Robert Günther / WWF

Luch­se sind für mich ein ganz beson­de­rer Teil unse­rer Natur, ich fin­de sie fas­zi­nie­rend und wun­der­schön. Lei­der sehen das nicht alle Men­schen so. Der Baye­ri­sche Wald gilt als Ber­mu­da-Drei­eck der Luch­se, weil die gro­ßen Kat­zen hier immer wie­der spur­los ver­schwin­den. Im Klar­text: Sie wer­den ille­gal getö­tet. Letz­te Woche bin ich selbst in die Regi­on gefah­ren, um mir ein Bild zu machen und her­aus­zu­fin­den, was man dage­gen tun kann.

Luchs im "Bermuda-Dreieck" © Kamerafalle Luchsprojekt Bayerischer Wald
Luchs in der Kame­ra­fal­le © Luchs­pro­jekt Bay­ern

Im Luchs-Wald

Spürt man einem Luchs nach, gelangt man an die schöns­ten Stel­len und lernt den Wald ganz anders ken­nen. Ich ver­su­che, mich an den Vögeln zu ori­en­tie­ren, und schaue ange­strengt zwi­schen die Bäu­me: Hin­ter jedem Vor­sprung glau­be ich, einen Luchs zu ent­de­cken.  Aber das ist natür­lich unrea­lis­tisch. Sie wit­tern und mei­den uns Men­schen. Viel­leicht beob­ach­ten sie uns noch nicht ein­mal so inten­siv, wie wir das umge­kehrt tun wür­den.

26 Luch­se ver­lo­ren

Noch mehr als die Natur fas­zi­niert mich Bio­lo­gin Sybil­le Wölfl, der ich durch den Wald fol­ge: Sie kennt die Luch­se ganz genau, ver­setzt sich in sie hin­ein, weiß wie und wo sie sich bewe­gen – und hat immer wie­der Opfer zu bekla­gen! 26 Luch­se hat sie in den letz­ten zehn Jah­ren hier ver­lo­ren.
Sechs davon wur­den über­fah­ren, fünf nach­weis­lich ille­gal getö­tet und 15 Luch­se sind ver­schol­len. Wahr­schein­lich wur­den auch sie ille­gal getö­tet. Ich bewun­de­re wirk­lich Sybil­les men­ta­le Stär­ke, mich wür­de das auf­fres­sen.

Mit Biologin Sybille sehe ich Fotofallenbilder an. © Robert Günther / WWF
Mit Bio­lo­gin Sybil­le wer­te ich Foto­fal­len­bil­der aus. © Robert Gün­ther / WWF

Losung: Hier war einer!

Sybil­le ist es dann auch, die unter einem rie­si­gen Fels­vor­sprung anfängt, im Laub zu wüh­len, und den Kot eines Luch­ses ent­deckt. Luchs-Losung erkennt man dar­an, dass sie ganz knub­be­lig aus­sieht. An die­ser hier kön­nen wir sogar fest­stel­len, was kürz­lich ver­daut wur­de, durch lau­ter Hasen­haa­re. Und ich ste­he im Wald und freue mich über Kot: Die ers­te greif­ba­re Spur eines tat­säch­li­chen Luch­ses irgend­wo um mich her­um!

Luchs-Losung / Kot im Bayerischen Wald
Nicht leicht zu ent­de­cken: Luchs-Losung (rechts neben dem Stift zum Grö­ßen­ver­gleich) © Robert Gün­ther / WWF

Mei­ne ers­te Foto­fal­le

An mei­ner ers­ten Foto­fal­le bin ich zunächst ein­fach vor­bei­ge­lau­fen, so gut sind die selbst­aus­lö­sen­den Kame­ras getarnt. Ich hat­te sie mir ganz anders vor­ge­stellt und als Stadt­mensch eher eine klei­ne, bun­te Gopro erwar­tet. Nun hängt hier also auf Knie­hö­he am Baum ein Kas­ten in Tarn­far­be. Was es alles gibt! Und vor allem: Ob ein Luchs drauf ist?

Kamerafalle im Bayerischen Wald
Kame­ra­fal­le © Robert Gün­ther / WWF

Wir sind im Revier der Luch­sin Vro­ni. Das heißt, in einem klei­nen Teil ihres Revie­res, Luchs-Ter­ri­to­ri­en sind rie­sig. Das war mir vor­her gar nicht so bewusst.
Als Mensch bräuch­te man zwei­ein­halb Tage, um ein Revier ganz abzu­lau­fen. Das zeigt auch: Wirk­lich nie­mand muss Angst haben, dass es in unse­ren Wäl­dern vor Luch­sen bald nur so wim­melt. Ganz im Gegen­teil! Luch­se brau­chen sehr viel Platz – und im Moment müs­sen vor allem sie Angst vor uns haben.

Wer ist in die Kame­ra­fal­le getappt?

Die Kame­ra­fal­le zu öff­nen ist nicht schwer, und ich kann es kaum erwar­ten, mir end­lich die Bil­der im Lese­ge­rät anzu­gu­cken: Ein Reh­bock, ein Fuchs und dann – wirk­lich! – ein Luchs. An der­sel­ben Stel­le, an der wir nun ste­hen! Ist es Vro­ni? Bio­lo­gin Sybil­le kann die Luch­se anhand ihrer Fell­zeich­nung unter­schei­den. Des­halb hän­gen sich auch immer zwei Kame­ras gegen­über, um die Tie­re von bei­den Sei­ten auf­zu­neh­men.

Luchs-Papa Veit in der Kamerafalle © Luchsprojekt Bayerischer Wald
Luchs-Papa Veit in der Kame­ra­fal­le © Luchs­pro­jekt Bay­ern

Der Luchs auf dem Bild ist Veit und ziem­lich wahr­schein­lich der Vater von Vro­nis Babys. Denn als Vro­ni das letz­te Mal in die Foto­fal­le tapp­te, hat­te sie einen ganz dicken Bauch, erzählt Sybil­le. Inzwi­schen müss­te der Nach­wuchs da sein. Luch­se bekom­men durch­schnitt­lich zwei Jun­ge im Jahr. Das ist nicht viel und macht es für die Art umso schwie­ri­ger, bei uns zu über­le­ben.

Angst um Vro­ni und die Babys

Luch­sin Vro­ni lebt in die­ser Gegend seit etwa einem Jahr. Vor­her gehör­te das Ter­ri­to­ri­um dem Luchs-Weib­chen Leo­nie. Doch Leo­nie wur­de ille­gal erschos­sen: Durch­schnitt­lich über­le­ben Luch­se in einem Revier hier nur etwa andert­halb Jah­re. Bio­lo­gin Sybil­le muss eigent­lich jeden Tag Angst um Vro­ni haben – und nun wahr­schein­lich auch um ihre Jun­gen.
Wenn die Luch­sin wirk­lich Nach­wuchs bekom­men hat, ist ihr Wohn­ge­biet jetzt viel klei­ner, nur etwa 20 Qua­drat­ki­lo­me­ter groß. Es ist also nicht Besorg­nis erre­gend, dass sie im Moment nicht bei der Kame­ra­fal­le auf­taucht. Noch nicht.

Toller Liegeplatz auf einem Felsvorsprung im Bayerischen Wald. Sängerin Cassandra Steen probiert es aus: Hier hat Luchsin Vroni einen guten Überblick.
Tol­ler Lie­ge­platz: Hier hat Luch­sin Vro­ni einen guten Über­blick. © Robert Gün­ther / WWF

Ich tue es Sybil­le nach, hof­fe das Bes­te und wan­de­le noch etwas auf Vro­nis Spu­ren. Links von uns ist ein gro­ßer Fels­vor­sprung. Hier liegt Vro­ni ger­ne – Sybil­le weiß das durch ihre Spu­ren im Schnee im Win­ter. Ich kaue­re mich auf den Vor­sprung und bli­cke über das Tal vor mir. Vro­ni hat sich wirk­lich eine Stel­le mit einem guten Über­blick aus­ge­sucht. Mich über­kommt ein unend­li­ches Glücks­ge­fühl: Luch­se sind so sel­ten und so majes­tä­tisch. Ihnen näher zu kom­men ist für mich eine gro­ße Ehre und es ist mir abso­lut rät­sel­haft, wie man so ein Tier erschie­ßen möch­te!

Helft uns, die Luch­se zu schüt­zen!

Der Baye­ri­sche Wald ist nur ein Bei­spiel: Der Luchs hat es bei uns nir­gend­wo beson­ders leicht, in sei­ne alte Hei­mat zurück zu keh­ren. In ganz Deutsch­land gibt es nur etwa 60 bis 80 Luch­se. Dabei sind es eigent­lich urdeut­sche Tie­re.

Der WWF kämpft mit Auf­klä­rung, Bil­dung und auf poli­ti­scher Ebe­ne dafür, dass Luch­se hier­zu­lan­de dau­er­haft eine Hei­mat fin­den. Außer­dem unter­stützt der WWF das Luchs-Moni­to­ring und wird in den nächs­ten fünf Jah­ren gemein­sam mit sei­nen Part­nern 20 Luch­se im Pfäl­zer Wald wie­der ansie­deln.

Wer­det Pate für die Luch­se in Deutsch­land!

Ich wün­sche mir, dass es irgend­wann in allen gro­ßen Wald­ge­bie­ten Deutsch­lands wie­der Luch­se gibt, eure Cas­san­dra.

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Über mich
Cassandra Steen (Gastautorin)

Sängerin, Tiernärrin und WWF-Luchsbotschafterin. Wenn ich mit meinen beiden Hunden im Wald spazieren gehe, fahre ich sofort runter und vergesse auch mal gerne den ganzen Tour-Trubel. Mir ist es sehr wichtig, dass wir unsere Natur erhalten – mit allen ihren Bewohnern und gerade den Tieren, die vom Aussterben bedroht sind. Denn wir selbst sind Teil dieser Natur!

1 Kommentar

  1. […] Wald anzu­sie­deln, aber so lan­ge die Jäger­schaft oder Unver­bes­ser­li­che nicht mit­zie­hen, bleibt das Ber­mu­da Drei­eck ein eher trau­ri­ges Kapi­tel. Dabei hat bei uns die Fas­zi­na­ti­on für gera­de die­se Tie­re zu einem […]

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