Eigentlich habe ich heute den ganzen Tag damit verbracht, Interviews zu geben. Zu verdanken habe ich das Ségolène Royal, der französischen Umweltministerin, die im Fernsehen dazu aufrief, Nutella zu boykottieren. „Der Umwelt zuliebe“. Als Grund dafür nannte sie das dafür verwendete Palmöl.

Daraufhin wollten Journalisten aus ganz Deutschland von mir hören, was denn an den Aussagen der französischen Politikerin dran sei. Ich glaube, die meisten wollten auch von mir hören, dass ich ihr Recht gebe und den Aufruf zum Boykott unterstütze. Ganz so einfach ist das aber nicht.

Dafür muss ich einmal ganz kurz ausholen. Palmöl ist seit jeher ein Bestandteil von Nutella. Palmöl ist aber auch noch in ganz anderen Produkten zu finden: in Tiefkühlpizzen, Lippenstiften, Schokolade, Tütensuppen, Cremes und Waschmitteln. Ich könnte noch viele weitere Produkte aufzählen. Was ich aber eigentlich sagen möchte, ist: Wir alle konsumieren jeden Tag Palmöl, ob wir wollen oder nicht.

Pflanzenöl braucht Fläche: Beim Vergleich der Ölerträge [t/ha] schneidet die Ölpalme besser ab als die Ersatzpflanzen Kokos, Soja, Sonnenblume und Raps. © Anita Drbohlav

Pflanzenöl braucht Fläche:
Beim Vergleich der Ölerträge [t/ha] schneidet die Ölpalme besser ab als die Ersatzpflanzen Kokos, Soja, Sonnenblume und Raps. © Anita Drbohlav

Palmöl hat ganz besondere Eigenschaften:

Ölpalmen wachsen schnell und sind die effizientesten Ölpflanzen der Welt. Das Öl selber ist bei Raumtemperatur fest und zudem geschmacksneutral. Für die Industrie ist es daher sehr interessant. So interessant, dass diese Palmen weltweit inzwischen schon auf etwa 16 Millionen Hektar angebaut werden (Zum Vergleich: Deutschland umfasst eine Fläche von etwa 36 Mio ha).

Das große Problem ist: Ölpalmen wachsen ausschließlich in Tropenregionen, also den Gebieten unsere Erde, die für ihren Artenreichtum bekannt sind. Leider werden für die Plantagen viel zu häufig große Flächen wertvollen Regenwaldes vernichtet. Die größten Palmölproduzenten sind Indonesien und Malaysia. Die beiden Staaten haben in den vergangenen Jahren unzählige Hektar Regenwald verloren, ebenso wie eine Vielzahl der Tiere, die dort lebten. Palmöl wurde daher auch zum Synonym für die Ausrottung der Orang-Utans. Indonesien ist aufgrund von Abholzung und Zerstörung von Torfböden zum drittgrößten „CO2-Emittenten“ der Welt geworden, gleich hinter den USA und China. Etwa 30% dieser Waldrodungen sind auf Palmöl zurückzuführen. (Update zum besseren Verständnis am 18.06.2015 um 13.09 Uhr)

Zurück zum Vorschlag von Ségolène Royal:

Sie fordert Ferrero auf, Alternativen zu benutzen. Bei Schokolade wird als Ersatz meist Kokos genommen. Kokospalmen wachsen unter ähnlichen Bedingungen und in ähnlichen Regionen wie Ölpalmen. Dabei sind sie weit weniger ertragreich. Auf Palmöl zu verzichten und einfach andere Fette zu verwenden, verschiebt das Problem also meist nur. Wird Palmöl beispielsweise durch Sojaöl ersetzt, kommen wir vom Regen in die Traufe. Wir würden die sechsfache Fläche benötigen und dazu kommt noch das Problem „Gensoja“. Eine ähnliche Rechnung könnte ich auch für Raps und Sonnenblumen aufstellen, die zwar nicht in den Tropen wachsen, aber auch mehr Fläche benötigen als Palmöl. Und an jeden Ersatz würde ich die gleichen Ansprüche an „Nachhaltigkeit“ stellen wie an Palmöl. Und davon, dass das meiste Palmöl in Indonesien als lokales Öl zum Kochen, Braten, Frittieren genutzt wird – davon rede ich jetzt mal lieber nicht. Es soll ja nicht noch komplizierter werden.

Was wäre mein Vorschlag?

Die einzige wirkliche Alternative, die ich sehe, ist die Verwendung von nachhaltigerem Palmöl. Ja, dafür hat der WWF schon viel Prügel kassiert. Denn der Runde Tisch für Palmöl (RSPO), der zumindest  die Einhaltung von Mindeststandards bei der Produktion einfordert, steht immer wieder in der Kritik, weil Mitglieder gegen Kriterien verstoßen. Der RSPO ist kein Öko-Label und auch uns fehlen noch schärfere Kriterien – aber nichts tun, ist auch keine Lösung.

Und leider gibt es auch in Deutschland immer noch viel zu viele Unternehmen, die nicht einmal zertifiziertes Palmöl nutzen. Aufgrund der Kritik am RSPO haben sich auch weitere Initiativen gebildet, die die Produktion weiter verbessern wollen. Die „Palm Oil Innovators Group“ beispielsweise fordert strengere Kriterien ein. Hier sind neben uns auch Greenpeace und andere NGOs mit an Bord. Dazu kommt das „Deutsche Forum Nachhaltiges Palmöl“, dessen Mitglieder auch eine Verbesserung der Produktionsbedingungen anstreben.

Und was ist nun mit dem Boykott von Nutella?

Ferrero gehört zu den wenigen großen Unternehmen, die Palmöl beziehen und daran interessiert sind, zu erfahren, wo es herkommt, unter welchen Bedingungen es hergestellt wurde. Ich behaupte, dass Ferrero weiß, was in ihren Produkten benutzt wird. Bei vielen, vielen anderen Firmen würde ich das nicht behaupten. Ferrero nutzt zu 100% physisch segregiertes Palmöl, weiß wo es herkommt und unterstützt die oben beschriebenen Palm Oil Innovators Group. Deswegen trifft es diesmal leider die Falschen. Aldi Nord, Burger King oder Procter & Gamble wären Marken, die viel mehr Orang-Utans auf dem Gewissen haben. 

Auch wenn ich die Idee von Ségolène Royal nicht teile, hat sie es doch geschafft, das Thema plötzlich wieder auf die Tagesordnung zu bringen. Und das ist großartig. Das Thema Palmöl ist viel zu wichtig, um nicht öffentlich darüber zu diskutieren. Ihr Vorschlag sorgt zumindest dafür, dass sich die Leute Gedanken darüber machen. Und das ist sehr viel wert.

Daher meine Tipps:

Meiner Meinung nach macht ein Boykott in Deutschland keinen Sinn. Die Verbraucher wissen oftmals gar nicht, wo überall Palmöl drin ist. Besser wäre es, wenn wir alle ein wenig mehr auf unser Einkaufsverhalten achten würden. Daher meine Tipps zum Vermeiden von Palmöl: Kauft möglichst frische Lebensmittel, weniger Süßes und Fettiges, auch wenn es weh tut! Schmeißt weniger weg! Und kauft Bio, denn Biopalmöl kommt zusätzlich noch ohne Pestizide aus.

Doch bislang interessiert dieses Thema noch zu wenige Menschen.

Das glaubt ihr nicht? Dann habe ich einen kleinen Test für euch: Wer von euch kann von sich behaupten, auch nur ein einziges Mal in seinem Leben bewusst ein Produkt mit zertifiziertem Palmöl gekauft zu haben?  

„Palmöl-Check“ 2013

Eine neue Studie kommt im Juli 2015