Nor­we­gen: Koh­le fliegt aus dem Pen­si­ons­fonds


Das Storting, Norwegens Parlament - Foto: Tm - CC BY 2.0 - http://bit.ly/1dSgE05
Das Storting, Norwegens Parlament - Foto: Tm - CC BY 2.0 - http://bit.ly/1dSgE05

Am 5. Juni, pas­send zum Welt­um­welt­tag, hat das nor­we­gi­sche Par­la­ment ein­stim­mig beschlos­sen, künf­tig Unter­neh­men, die mehr als 30 Pro­zent Umsatz mit Koh­le erwirt­schaf­ten, aus dem Pen­si­ons­fonds zu strei­chen. Die Kri­ti­ker schimp­fen: Das sei nichts ande­res als “Sym­bol­po­li­tik ohne Sinn”. In Wirk­lich­keit ist dies jedoch wahr­schein­lich der wich­tigs­te Kli­ma-Beschluss, den das „Stor­ting“ in Oslo je ver­ab­schie­det hat.  Denn der soge­nann­te “Ölfonds” ver­wal­tet ein Ver­mö­gen von rund 790 Mil­li­ar­den Euro (882 Mrd. US-Dol­lar) und ist damit der größ­te Pen­si­ons­fonds der Welt.

War­um die Ent­schei­dung wich­tig ist:

Auf der gan­zen Welt voll­zieht sich der­zeit ein Para­dig­men­wech­sel. Die Ener­gie­sys­te­me der Zukunft wer­den auf erneu­er­ba­ren Ener­gi­en basie­ren. Das Par­la­ment hat die­se Ent­wick­lung erkannt, ver­stan­den und sich recht­zei­tig auf die rich­ti­ge Sei­te geschla­gen. Es han­delt sich dabei um eine Ein­zel­ent­schei­dung, ohne Fra­ge, aber die­se ist dafür meh­re­re Mil­li­ar­den Kro­nen schwer. Es besteht kein Zwei­fel dar­an, dass die­ser Beschluss nicht nur Nor­we­gen, son­dern die gan­ze Welt in die rich­ti­ge Rich­tung schub­sen kann.

In den kom­men­den 15 Jah­ren wird die Welt mas­siv in neue Infra­struk­tur und Ener­gie inves­tie­ren. For­scher sind sich einig: Falls wir wei­ter­hin auf fos­si­le Ener­gie­trä­ger set­zen, haben wir kei­ne Chan­ce, die lebens­ge­fähr­li­chen Kli­ma­ver­än­de­run­gen zu ver­hin­dern. Nor­we­gens “Sym­bol­po­li­tik” trägt dazu bei, dass künf­tig wesent­lich weni­ger Gel­der in Koh­le­pro­jek­te gesteckt wer­den.

Generaldirektorin WWF Norwegen Nina Jensen © WWF
Gene­ral­di­rek­to­rin WWF Nor­we­gen Nina Jen­sen © WWF

Koh­le ver­liert gegen die erneu­er­ba­ren Ener­gi­en

Die welt­wei­ten Märk­te für Koh­le befin­den sich der­zeit in einem struk­tu­rel­len Nie­der­gang. Eine der wich­tigs­ten Ursa­chen ist die ste­tig wach­sen­de Kon­kur­renz durch erneu­er­ba­re Ener­gi­en. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren sind die Akti­en­kur­se für Koh­le nach ver­schie­de­nen Indi­zes zwi­schen 50 und 70 Pro­zent ein­ge­bro­chen. Kli­ma­ge­set­ze und Emis­si­ons­li­mits wer­den rund um den Glo­bus imple­men­tiert. Für Koh­le­un­ter­neh­men ist es immer schwie­ri­ger und kom­pli­zier­ter mit neu­en Geset­zen zurecht zu kom­men.

Chi­na ist dafür ein viel­sa­gen­des Bei­spiel: Aktu­el­le Zah­len zei­gen, dass die Emis­sio­nen aus chi­ne­si­schen Koh­le­kraft­wer­ken in den letz­ten bei­den Jah­ren stark gesun­ken sind. Vor allem weil der Koh­le­ver­brauch zurück­ge­gan­gen ist. Chi­ne­si­sche Behör­den hat­ten beschlos­sen, Anla­gen in und um Groß­städ­te zu schlie­ßen, um die Pro­ble­me mit der mas­si­ven Luft­ver­schmut­zung zu lösen.

Folgt ein Domi­no­ef­fekt?

Mit dem Beschluss der letz­ten Woche schließt sich der “Ölfonds” einer Rei­he gro­ßer und klei­ner Inves­to­ren an, die sich aus der Koh­le zurück­zie­hen. In Nor­we­gen haben bereits die Stadt Oslo, “Storeb­rand” und “KLP” ähn­li­che Beschlüs­se gefasst.

Wenn ein gigan­ti­scher Inves­tor wie der Ölfonds, einer der größ­ten Koh­le­eig­ner der Welt, die­sem Sek­tor Mit­tel in einer Grö­ßen­ord­nung von 40 Mil­li­ar­den Kro­nen ent­zieht, wird das Fol­gen haben. Allein der Beschluss wird den Abwärts­trend der Koh­le­ak­ti­en ver­stär­ken. Und wenn ande­re Inves­to­ren dem Bei­spiel fol­gen, ent­steht ein Domi­no­ef­fekt, dem sich auch die Poli­tik beu­gen wird: Abbau der staat­li­chen Koh­le-Sub­ven­tio­nen, ver­schärf­te Kli­ma­ge­set­ze und weni­ger Kon­zes­sio­nen wären die Fol­ge.

Der Koh­le geht die Koh­le aus

Der Koh­le, dem Kli­ma­sün­der Num­mer 1, geht das Geld aus. Inves­tiert wird dann nur noch in erneu­er­ba­re Ener­gi­en, eine Bran­che, die sich bereits fast in der gan­zen Welt im expo­nen­ti­el­len Wachs­tum befin­det.

Die fos­si­le Ener­gie­ge­win­nung stellt ein­deu­tig den größ­ten Wirt­schafts­zweig in Nor­we­gen dar. Und ja, Nor­we­gen hat sei­ne eige­ne Koh­le­gru­be auf Spitz­ber­gen. Ist es daher anma­ßend, eine Ener­gie­form mora­lisch zu ver­ur­tei­len, von der ande­re Län­der abhän­gig sind, nur eben Nor­we­gen nicht? Die­se Fra­ge muss erlaubt sein, denn sie ist durch­aus rele­vant. Sie lädt zu einer Rei­he wich­ti­ger Debat­ten ein, die für die nor­we­gi­schen Poli­ti­ker nicht nur ange­nehm sein wer­den. Den­noch ist die­ser Beschluss rich­tig. Er zeugt von poli­ti­scher Ent­schlos­sen­heit, die zu Kli­ma­fra­gen lan­ge fehl­te und jetzt in der gan­zen Welt ihren Nach­hall fin­det. Der Impuls könn­te auch den kom­men­den Kli­ma­gip­fel in Paris ent­schei­dend befruch­ten.

WWF for­dert Inves­ti­tio­nen in erneu­er­ba­re Ener­gi­en

Bei allem Jubel blei­ben den­noch wei­te­re Punk­te unge­klärt: Das Geld muss künf­tig anders inves­tiert wer­den. Daher müs­sen wir uns auf die nächs­te gro­ße Dis­kus­si­ons­run­de über die Inves­ti­tio­nen des Ölfonds vor­be­rei­ten. Die­se wird sich dar­um dre­hen, eine Infra­struk­tur für die Pro­duk­ti­on und Ver­tei­lung erneu­er­ba­rer Ener­gi­en auf­zu­bau­en.

Der größ­te Teil der Inves­ti­tio­nen des Ölfonds liegt in ver­käuf­li­chen Wert­pa­pie­ren wie Akti­en. Aber nicht alle bedeut­sa­men Ener­gie-Unter­neh­men sind an der Bör­se notiert. Heu­te kann die nor­we­gi­sche Bank bis zu fünf Pro­zent des Ölfonds in nicht notier­tes Eigen­tum plat­zie­ren, zum Bei­spiel in Ein­kaufs­stra­ßen und –zen­tren in den Groß­städ­ten der Welt. Der WWF und ande­re Umwelt­schutz­or­ga­ni­sa­tio­nen for­dern, dass in Infra­struk­tu­ren für erneu­er­ba­re Ener­gi­en inves­tiert wird, die nicht an der Bör­se notiert sind, wie Solar­zel­len- und Wind­kraft­an­la­gen.

Nor­we­gens Abhän­gig­keit von fos­si­len Ener­gi­en

Es wird nicht mehr lan­ge dau­ern und die Poli­ti­ker wer­den sich der Debat­te stel­len müs­sen, künf­tig vom Fonds auch ande­re fos­si­len Ener­gie­bran­chen aus­zu­schlie­ßen. Das wird nicht nur gut fürs Kli­ma sein, son­dern auch für Nor­we­gens Wirt­schaft. Wir Nor­we­ger sind schon jetzt viel zu sehr abhän­gig von den Öl- und Gas­prei­sen – und soll­ten nicht auch noch zukünf­ti­ge Pen­sio­nen von den Akti­en­kur­sen mul­ti­na­tio­na­ler Ölge­sell­schaf­ten abhän­gig machen.

Und noch etwas: Das neue Inves­ti­ti­ons­pro­fil des Ölfonds bie­tet ein lehr­rei­ches Vor­bild, was in Nor­we­gen in den nächs­ten Jah­re pas­sie­ren soll­te. “Öl-Nor­we­gen” brau­che Zeit sich umzu­stel­len, heißt es immer. Die Ent­schei­dung des Par­la­ments zeigt: Der grü­ne Wan­del kommt. Wor­in Nor­we­gen künf­tig inves­tie­ren wird, ist noch schwie­rig zu erken­nen — nicht zuletzt auch wegen der poten­zi­el­len Erschlie­ßung neu­er Öl- und Gas­fel­der an der Eis­kan­te in der Barents­see.

Ohne Koh­le in die Zukunft

Es kann für uns nur einen Weg geben: Weg mit ver­al­te­ten Denk- und Hand­lungs­mus­tern, hin zu Lösun­gen, die der Lebens­qua­li­tät der kom­men­den Genera­tio­nen absi­chert — zum Bes­ten für das Kli­ma, die Wirt­schaft und die zukünf­ti­ge Gesell­schaft.

Der 5. Juni ist für Nor­we­gen ein stol­zer Tag: „En stolt dag for Nor­ge“.

(Über­set­zung aus dem Nor­we­gi­schen: Ste­phan Lut­ter, WWF Deutsch­land) 

 

 

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Über mich
Nina Jensen

Nina Jensen ist seit 2012 die Generaldirektorin des WWF Norwegen. Sie hat Meeresbiologie studiert und war vor ihrer Tätigkeit beim WWF für verschiedene Kommunikations- und Werbeagenturen tätig, wie Ogilvy & Mather, Basecamp und Edge Advertising. Seit 2005 arbeitet sie für den WWF.

1 Kommentar

  1. Avatar
    Johng682
    11. November 2015
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