Was gegen die hohen Ener­gie­prei­se getan wer­den muss


Gas Preise sind hoch: Gasherd Gasflamme
Die Energiepreise sind hoch - weil der Ausbau der erneuerbaren Energien viel zu langsam geht © imago / agefotostock / liukov

Die Prei­se für fos­si­le Ener­gie­trä­ger sind rasant gestie­gen. Allen vor­an der Gas­preis. Der Bör­sen­strom­preis hat sich ver­drei­facht. Aus­ge­rech­net zu Beginn der Heiz­pe­ri­ode dro­hen euro­pa­weit spür­bar höhe­re Kos­ten. Die Kli­ma­po­li­tik wird dabei oft zum Sün­den­bock. Das ist gefährlich.

Gera­de jetzt brau­chen kli­ma- und ener­gie­po­li­ti­sche Maß­nah­men die Unter­stüt­zung einer brei­ten Öffent­lich­keit. Klar ist: ein höhe­rer Anteil an erneu­er­ba­ren Ener­gien hät­te den aus­ufern­den Prei­sen Ein­halt gebo­ten. Ein­mal mehr zeigt sich, dass ver­pass­te Chan­cen beim Kli­ma­schutz sehr teu­er wer­den kön­nen. Wenn die Debat­te um hohe Ener­gie­prei­se jetzt in die fal­sche Rich­tung gelenkt wird, könn­ten wich­ti­ge kli­ma­po­li­ti­sche Instru­men­te, dar­un­ter die CO2-Beprei­sung, im Streit zwi­schen den EU-Mit­glieds­staa­ten zer­rie­ben wer­den. Das gefähr­det auch die Energiewende.

Vola­ti­le Prei­se für Gas­im­por­te trei­ben Kos­ten in die Höhe

Laut der Agen­tur für die Zusam­men­ar­beit der Ener­gie­re­gu­lie­rungs­be­hör­den, kurz ACER, sind die gestie­ge­nen Gas­prei­se an den glo­ba­len Märk­ten der Haupt­grund für die rasan­te Ener­gie­preis­ent­wick­lung. Nach dem pan­de­mie­be­ding­ten Ein­bruch der Kon­junk­tur läuft der glo­ba­le Wirt­schafts­mo­tor wie­der an. Damit schnellt auch die Nach­fra­ge nach fos­si­len Ener­gie­trä­gern nach oben – zuletzt ins­be­son­de­re in Asi­en. Dort ist die Zah­lungs­be­reit­schaft hoch. Gleich­zei­tig war der letz­te Win­ter über­durch­schnitt­lich kalt, die euro­päi­schen Gas­spei­cher sind für die­se Jah­res­zeit unge­wöhn­lich leer. Der nun bevor­ste­hen­de Win­ter wird die wei­te­re Preis­ent­wick­lung ent­schei­dend beeinflussen.

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Eini­ge Ener­gie­ver­sor­ger haben sich bereits aus dem Markt zurück­ge­zo­gen und bie­ten der­zeit kei­ne neu­en Gas- oder Strom­ver­trä­ge an. Der Deut­sche Mie­ter­bund sowie der Ver­brau­cher­zen­tra­le Bun­des­ver­band (VZBV) warn­ten ange­sichts der Preis­ent­wick­lung vor einer Neben­kos­ten­ex­plo­si­on – auch, da Verbraucher:innen in die teu­re Grund­ver­sor­gung rut­schen könn­ten, wenn Ener­gie­an­bie­ter sich über­gangs­wei­se zurück­zie­hen. Unter­des­sen geht die Inter­na­tio­na­le Ener­gie­agen­tur (IEA) davon aus, dass die Nach­fra­ge nach Roh­öl über den Win­ter deut­lich steigt. Die Gas­kri­se kann sich so auch auf den Ölmarkt ausweiten.

Die aus dem Ruder gelau­fe­nen Ener­gie­prei­se zei­gen, wie pro­ble­ma­tisch Euro­pas Abhän­gig­keit vom Import fos­si­ler Ener­gie­trä­ger ist. Auch aus geo­po­li­ti­scher Sicht. In einem glo­ba­len Markt kann es zu hohen Preis­aus­schlä­gen kom­men. Gera­de dann, wenn Nach­fra­ge­spit­zen auf eine knap­pe Ver­sor­gungs­la­ge treffen.

CO2-Preis ist nicht für die hohen Kos­ten verantwortlich

Der logi­sche Rück­schluss müss­te also lau­ten, sich end­lich unab­hän­gig von fos­si­len Ener­gie­trä­gern zu machen – und zwar nicht nur im Sin­ne des Kli­ma­schut­zes, son­dern auch, um das Porte­mon­naie zu scho­nen. Statt­des­sen kann man gera­de­zu absur­de Ent­wick­lun­gen beob­ach­ten. Die hohen Gas­prei­se füh­ren dazu, dass die noch schmut­zi­ge­re Koh­le – trotz CO2-Beprei­sung – wie­der wett­be­werbs­fä­hig wird. Sogar die unter nor­ma­len Umstän­den extrem teu­re Stein­koh­le kann der­zeit güns­ti­ger ver­feu­ert wer­den als Erd­gas. Gleich­zei­tig wer­den die Rufe nach neu­en Gas­kraft­wer­ken lau­ter. Dabei sind Gas­kraft­wer­ke soge­nann­te Grenz­kraft­wer­ke. Sie decken in der Regel den Letzt­be­darf, der den Strom­preis fest­legt, wel­cher folg­lich eben­so rasant gestie­gen ist, wie der Gas­preis. Der fran­zö­si­sche Prä­si­dent, Emma­nu­el Macron, hol­te jüngst sogar die Atom­kraft wie­der aus der Mot­ten­kis­te – die teu­ers­te Form der Ener­gie­er­zeu­gung, ganz zu schwei­gen vom Ent­sor­gungs­pro­blem und den Sicher­heits­ri­si­ken. Neun wei­te­re EU-Staa­ten schlos­sen sich dem Auf­ruf an, Atom­ener­gie in die EU-Taxo­no­mie aufzunehmen.

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Die ent­schei­den­de Rol­le der erneu­er­ba­ren Ener­gien geht in der Empö­rung über die hohen Ener­gie­prei­se unter, so scheint es. Wer ange­sichts der aktu­el­len Lage behaup­tet, dass die Kli­ma­po­li­tik – oder gar die Ener­gie­wen­de – für die hohen Gas- und Strom­prei­se ver­ant­wort­lich sei­en, erweckt bei der Öffent­lich­keit ein fal­sches Bild. Zwar ist der ETS-Preis im Jah­res­ver­lauf eben­falls gestie­gen. Doch der Anteil an der gesam­ten Preis­ent­wick­lung ist sehr gering, wie eine Ana­ly­se des Ener­gie-Think-Tanks Ember zeigt.

Ember Grafik Kosten Strom EU
© Ember

Mehr Erneu­er­ba­re hät­ten die Ener­gie­prei­se abfe­dern können

Gera­de jetzt gilt: die Ver­brauchs­sek­to­ren müs­sen so schnell wie mög­lich elek­tri­fi­ziert wer­den — mit Wind­ener­gie und Pho­to­vol­ta­ik. Solan­ge fos­si­le Ener­gie­trä­ger, wie Gas und Koh­le, wesent­lich zum Strom­mix bei­tra­gen, haben Preis­stei­ge­run­gen nicht nur einen Ein­fluss auf die Wär­me­ver­sor­gung. Auch der Strom­preis wird dann mit­ge­ris­sen. Hät­te man den Aus­bau der Erneu­er­ba­ren Ener­gien in den ver­gan­ge­nen Legis­la­tur­pe­ri­oden nicht abge­würgt, wäre Deutsch­land heu­te unab­hän­gi­ger von die­ser Vola­ti­li­tät. Die Trans­for­ma­ti­on des Ener­gie­sys­tems wäre die Auf­ga­be des letz­ten Jahr­zehnts gewe­sen. Wind- und Solar­ener­gie sind auch hier­zu­lan­de unlängst die güns­tigs­ten For­men der Ener­gie­er­zeu­gung. Mehr noch: pro ein­ge­setz­tem Euro haben sie das größ­te Emis­si­ons­min­de­rungs­po­ten­zi­al. Von den gerin­gen Strom­ge­ste­hungs­kos­ten könn­ten die Verbraucher:innen nicht nur beim Strom­preis pro­fi­tie­ren. Auch im Wär­me- und Ver­kehrs­sek­tor könn­ten die güns­ti­ge­ren Erneu­er­ba­ren zum Ein­satz kom­men – in Gestalt von E‑Autos und Wär­me­pum­pen. Natür­lich wäre auch aus Kli­ma­schutz­per­spek­ti­ve ein schnel­le­rer Aus­bau der Erneu­er­ba­ren drin­gend nötig. Erst zu Beginn der Woche zeig­te die IEA in ihrem World Ener­gy Out­look, dass die der­zei­ti­gen kli­ma­po­li­ti­schen Zusa­gen nur 20 Pro­zent der Emis­si­ons­re­duk­tio­nen abde­cken, die nötig wären, um bis 2030 wie­der auf den 1,5°C‑Pfad zurückzukehren.

Was wir jetzt brauchen

Kurz­fris­tig braucht es jetzt wirk­sa­me Mecha­nis­men, die die stei­gen­den Ener­gie­prei­se ins­be­son­de­re für ärme­re Haus­hal­te abfe­dern. Lang­fris­tig ist die ech­te Lösung gegen Preis­spit­zen der Aus­stieg aus den fos­si­len Ener­gie­trä­gern – allen vor­an Koh­le, aber auch Öl und Gas.

Wir for­dern daher, dass 80 Pro­zent des Brut­to­strom­ver­brauchs bis 2030 aus Erneu­er­ba­ren stam­men soll­ten. Im Schnitt müss­ten min­des­tens 15 bis 20 Giga­watt an Wind- und Solar­ener­gie pro Jahr neu ans Netz gehen, damit Deutsch­land die eige­nen Kli­ma­zie­le errei­chen kann. Das ist eine Ver­viel­fa­chung des aktu­el­len Zubaus. Spei­cher­tech­no­lo­gien und eine Stra­te­gie für grü­nen Was­ser­stoff müs­sen die­se Trans­for­ma­ti­on flan­kie­ren. Par­al­lel dazu müs­sen die Sub­ven­tio­nen für fos­si­le Brenn­stof­fe end­lich abge­baut wer­den. Gleich­zei­tig soll­te der CO2-Preis stei­gen. Auch hier­für braucht es Instru­men­te zur sozi­al gerech­ten Aus­ge­stal­tung, wie etwa eine Klima-Prämie.

Kei­ne Scheindebatten!

Es ist jetzt höchs­te Zeit, sich nicht in Schein­de­bat­ten zu ver­lie­ren, die auf ener­gie­po­li­ti­sche Abwe­ge füh­ren. Deutsch­land hat sich das Ziel gesetzt, bis spä­tes­tens 2045 kli­ma­neu­tral zu wirt­schaf­ten. Gro­ße Leit­stu­di­en haben gezeigt: Das ist mach­bar, das ist finan­zier­bar. Ent­schei­dend ist, dass die brei­te Unter­stüt­zung der Bevöl­ke­rung, die die Ener­gie­wen­de so drin­gend braucht, jetzt nicht ver­lo­ren geht. Des­halb müs­sen die tat­säch­li­chen Grün­de für die hohen Ener­gie­kos­ten auf den Tisch. Die aktu­el­le Preis­ent­wick­lung ist eine War­nung an jene Län­der, die die Trans­for­ma­ti­on ihres fos­si­len Ener­gie­sys­tems nicht ent­schlos­sen in Rich­tung der erneu­er­ba­ren Ener­gien vor­an­brin­gen. Für die Ener­gie­wen­de in Deutsch­land muss daher jetzt das Jahr­zehnt der Umset­zung beginnen.

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