Goril­las: Tod zwei­er Silberrücken


Mayele Gorilla Dzanga Sangha
Mayale starb wahrscheinlich im Kampf © Nuria Ortega / WWF

Der Ver­lust zweier Sil­ber­rü­cken in nur drei Wochen bedeu­tet nicht nur für unse­re Goril­la­grup­pen einen har­ten Schlag — son­dern für ganz Dzangha-Sangha.

Der Tod der bei­den Sil­ber­rü­cken inner­halb so kur­zer Zeit war hart für mich. Mata und Maye­le, wie die Sil­ber­rü­cken hie­ßen, sind zwei der weni­gen wil­den West­li­chen Flach­land­go­ril­las, die an die Anwe­sen­heit von Men­schen gewöhnt sind. Sie sind die Hoff­nung für die Erhal­tung der Goril­las. Ich habe zu ihrer Ein­ge­wöh­nung bei­getra­gen und die letz­ten elf Jah­re mei­nes Lebens dem Schutz der Tie­re in Dzan­ga-Sangha gewid­met. Jetzt sind sie tot — und es muss weitergehen.

Wor­um geht es bei der Habitierung?

Habitu­ie­rung ist der Pro­zess, bei dem wil­de Tie­re all­mäh­lich mensch­li­che Beob­ach­ter in ihrer Nähe akzep­tie­ren, ohne in ihren täg­li­chen Akti­vi­tä­ten gestört zu wer­den. In Dzan­ga-Sangha wur­den drei Goril­la­grup­pen für den nach­hal­ti­gen Tou­ris­mus und zu For­schungs­zwe­cken an Men­schen gewöhnt, um das Über­le­ben der Goril­las zu sichern und gleich­zei­tig zum Lebens­un­ter­halt der loka­len Bevöl­ke­rung beizutragen.

Dzan­ga-Sangha — Welt­erbe im Regenwald

Dzan­ga-Sangha zählt zu den wich­tigs­ten Öko­re­gio­nen der Welt. Hier leben sel­te­ne und gefähr­de­te Arten wie eben Goril­las oder der Afri­ka­ni­sche Wal­d­e­le­fant. Mit Unter­stüt­zung des WWF wur­de die Regi­on im Süden der Zen­tral­afri­ka­ni­schen Repu­blik unter Schutz gestellt und 2012 sogar wegen sei­ner ein­zig­ar­ti­gen Bedeu­tung für den Natur­schutz zum UNESCO Welt­na­tur­er­be ernannt. Der WWF ist seit über 25 Jah­ren in Dzan­ga-Sangha aktiv. Krieg, Armut, Wil­de­rei und der Raub­bau an den Natur­schät­zen sind die gro­ßen Pro­ble­me, mit denen wir beim Schutz von Dzan­ga-Sangha zu kämp­fen haben.

Die Goril­las gene­rie­ren etwa die Hälf­te der Tou­ris­mus­ein­nah­men in Dzan­ga-Sangha. Das Goril­la-Pro­gramm ist ein wich­ti­ger Arbeit­ge­ber für die ört­li­che Bevöl­ke­rung. Mehr als 60 Men­schen sind dar­in beschäf­tigt, dar­un­ter über 40 indi­ge­ne Ba’A­ka. Das Pro­gramm bringt beträcht­li­che, drin­gend benö­tig­te Ein­nah­men und stärkt die lebens­wich­ti­ge Ver­bin­dung zu den Gemein­den. Es ist somit ein wich­ti­ges Instru­ment für den Naturschutz.

Die Mata-Grup­pe

Mata, ein etwa 32-jäh­ri­ger Sil­ber­rü­cken, war der Anfüh­rer sei­ner Grup­pe in Bai Hokou. “Mata” bedeu­tet in der Aka-Spra­che “nächs­ter Ange­hö­ri­ger” oder “Nach­fol­ger”. Er wur­de so genannt, nach­dem er das Gebiet besetzt hat­te, das zuvor von einer ande­ren habitu­ier­ten Goril­la­grup­pe bewohnt wur­de. Die Ein­ge­wöh­nung begann 2010. Die Grup­pe wur­de aber erst im April 2019 offi­zi­ell für Besu­cher frei­ge­ge­ben, da die Arbei­ten an der Ein­ge­wöh­nung durch die poli­ti­sche Kri­se in der Zen­tral­afri­ka­ni­schen Repu­blik unter­bro­chen wur­de. Wäh­rend die­ser Zeit haben wir uns vor allem auf die Sicher­heit der schon voll­stän­dig habitu­ier­ten Grup­pen konzentriert.

Gorilla Silberrücken Mata, Dzanga-Sangha
Mata kam wahr­schein­lich durch einen Sturz ums Leben © Nuria Orte­ga / WWF

Mata erober­te in sei­ner akti­ven Zeit vier Weib­chen und zeug­te min­des­tens sie­ben Nach­kom­men. Er war sehr für­sorg­lich gegen­über sei­nem Nach­wuchs. In den letz­ten Pha­sen der Ein­ge­wöh­nung stieß er sei­ne Jun­gen jedes Mal von mensch­li­chen Beob­ach­tern weg, wenn er das Gefühl hat­te, dass sie ihnen zu nahe kamen. Sein Ver­hal­ten war ein­zig­ar­tig für west­li­che Sil­ber­rü­cken. Zum Bei­spiel betäub­ten wir 2018 eines sei­ner Weib­chen, um eine Wil­de­r­er­schlin­ge aus ihrem Hand­ge­lenk zu ent­fer­nen. Wäh­rend der Ope­ra­ti­on hob Mata den drei Mona­te alten Nach­wuchs auf und küm­mer­te sich um ihn, bis die Mut­ter sich erholt hatte.

Die Maye­le-Grup­pe

Die ande­re Grup­pe lebt in Mon­gam­be, etwa zehn Kilo­me­ter ent­fernt. Sie wird von  Maye­le ange­führt, des­sen Alter wir auf etwa 40 schät­zen. Maye­le heißt in der Aka-Spra­che “geris­sen oder raf­fi­niert”. Er wur­de von den Ba’A­ka-Fähr­ten­le­sern nach sei­ner Gewohn­heit benannt, stän­dig abrupt die Rich­tung zu ändern, als ob er das Fähr­ten­le­ser­team wäh­rend des Gewöh­nungs­pro­zes­ses absicht­lich ver­wir­ren wollte.

Sei­ne Ein­ge­wöh­nung begann im Novem­ber 2005, und die Grup­pe wur­de 2010 offi­zi­ell der Öffent­lich­keit zugäng­lich gemacht. Wäh­rend sei­ner Zeit bekam er fünf Weib­chen und zeug­te min­des­tens 17 Nach­kom­men. Im Gegen­satz zu Mata war Maye­le ein eher ent­spann­ter und stress­frei­er Sil­ber­rü­cken, der sei­ner Fami­lie manch­mal erlaub­te, sich bis zu einem hal­ben Kilo­me­ter von ihm zu ent­fer­nen.  Infol­ge­des­sen war sei­ne Grup­pe nor­ma­ler­wei­se wei­ter im Wald ver­streut als andere.

Todes­ur­sa­chen: Sturz und Kampf

Die Todes­fäl­le schei­nen in kei­nem Zusam­men­hang zuein­an­der zu ste­hen. Das Spu­ren­si­che­rungs­team in Bai Hokou fand Mata am Mor­gen des 31. August 2022 tot auf. Die Todes­ur­sa­che ist noch unklar. Er hat­te Frak­tu­ren am Hals und an den Glied­ma­ßen. Es gab aber weder Spu­ren für Wil­de­rei, noch für einen Kampf mit einem ande­ren Goril­la. Wir glau­ben, dass er von einem Baum gefal­len sein könnte.

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Maye­le wur­de am Mor­gen des 20. Sep­tem­ber schwer ver­letzt auf­ge­fun­den. In der Nacht zuvor kam es ver­mut­lich zu einem Kampf mit einem ande­ren Sil­ber­rü­cken. Er hat­te tie­fe Wun­den an Kinn, Brust, Armen und Bei­nen. Sei­ne Unter­lip­pe war voll­stän­dig abge­bis­sen. Es waren über­all Blut­spu­ren zu sehen. Maye­le konn­te sich nicht mehr bewe­gen. Am nächs­ten Mor­gen war er noch schwä­cher. Er hat­te sich nicht vom Fleck bewegt. Auch das vom Tier­arzt mit einem Pfeil ver­ab­reich­te Anti­bio­ti­kum konn­te ihm nicht mehr hel­fen. Maye­le starb noch am sel­ben Tag.

Gibt es noch Hoff­nung für die Gorilla-Gruppen?

Die Zukunft die­ser Grup­pen ist jetzt unge­wiss. Sil­ber­rü­cken sind das Band, das die Goril­la­grup­pen zusam­men­hält. Ihr Tod könn­te zum Zer­fall der Grup­pen füh­ren. Mata hin­ter­ließ zwei Weib­chen und vier Kin­der im Alter zwi­schen einem und sechs Jah­ren. Nur zwei Wochen nach sei­nem Tod töte­te ein Sil­ber­rü­cken, der ver­such­te, die Grup­pe zu über­neh­men, eines der Kleinkinder.

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Die Maye­le-Grup­pe, die mit drei Weib­chen und sechs Jun­gen zurück­blieb, hat einen 14-jäh­ri­gen Schwarz­rü­cken, der die Grup­pe noch ver­tei­di­gen könn­te. Es ist jedoch unge­wiss, ob er die Grup­pe zusam­men­hal­ten und ihr nächs­ter Anfüh­rer wer­den kann. In den nächs­ten Tagen und Wochen wird es noch viel zu beob­ach­ten geben.

Inter­ak­tio­nen zwi­schen den Grup­pen, Wan­de­run­gen von ein­zel­nen Tie­ren, Kämp­fe zwi­schen Sil­ber­rü­cken, Kinds­tö­tung und Auf­lö­sung von Goril­la­grup­pen sind natür­li­che Phä­no­me­ne. Das ist für uns nicht schön, aber die Rea­li­tät in der Gorillawelt.

Die Zukunft des Goril­la-Öko­tou­ris­mus in Dzanga-Sangha

Die Habitu­ie­rung von Goril­las erfor­dert jedoch viel Zeit und Res­sour­cen. Der mög­li­che Ver­lust von habitu­ier­ten Grup­pen wäre für den Öko­tou­ris­mus ver­hee­rend. Das Gewöh­nungs­pro­gramm zeig­te, dass es sich selbst tra­gen kann. Es ver­bes­sert die Lebens­be­din­gun­gen der loka­len Gemein­schaft durch Arbeit, Ein­kom­men, Ver­bes­se­rung sozia­ler Diens­te wie Schu­len und ärzt­li­che Ver­sor­gung. Auch hilft es tra­di­tio­nel­le Fähig­kei­ten aus einem Leben im Wald der  Ba’A­ka-Gemein­schaft zu erhal­ten. Durch das Pro­jekt haben über 5000 Besu­chern die fas­zi­nie­ren­den Goril­las gese­hen. Vor allem aber hat sich der Schutz der Goril­las in die­sem Gebiet ins­ge­samt verbessert.

Der Tod der zwei Sil­ber­rü­cken ist frag­los ein har­ter Schlag. Wir dür­fen jetzt aber auf kei­nen Fall auf­ge­ben. Wir wer­den die Habitu­ie­rung der Goril­las in Dzan­ga-Sangha fortsetzen.

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