Eine Mehr­heit für den Natio­nal­park Spessart

Nationalpark Spessart: Das größte zusammenhängende Laubmischwaldgebiet Deutschlands © iStock / Getty Images

Der Spes­sart. Ein ziem­lich gro­ßer, grü­ner Fleck in der Mit­te Deutsch­lands, irgend­wo zwi­schen Frank­furt und Würz­burg. Das Mit­tel­ge­bir­ge gilt als größ­tes zusam­men­hän­gen­des Mischlaub­wald­ge­biet Deutsch­lands. Rot­hir­sche leben hier, Wild­schwei­ne auch. Und Spes­sar­träu­ber. Letz­te­re zumin­dest der Sage nach. Und wahr­schein­lich war der Spes­sart damals im Mit­tel­al­ter tat­säch­lich ein ziem­lich furcht­erre­gen­der Ort mit Räu­ber­ban­den und Wege­la­ge­rern, die sich in den dunk­len Wäl­dern per­fekt ver­ste­cken konn­ten. Nicht umsonst wer­den vie­le dunk­le Mär­chen der Gebrü­der Grimm, wie etwa Schnee­witt­chen oder Frau Hol­le, im Spes­sart verortet.

Der Spes­sart wird für mich zur per­sön­li­chen Sache

Für mich ist der Spes­sart vor allem eines: Hei­mat. Hier, in dem klei­nen Luft­kur­ort Mönch­berg, bin ich gebo­ren und auf­ge­wach­sen. Und so sehr ich mich, beson­ders als Teen­ager, nach den gro­ßen, nie schla­fen­den Metro­po­len gesehnt habe, so sehr genie­ße ich es heu­te in den Spes­sart zurück­zu­kom­men, die Ruhe zu genie­ßen und das Rau­schen der Wäl­der zu hören. Hört sich nach Natur­kitsch und Hei­mat­kli­schee an? Natür­lich! Aber des­we­gen ist es nicht weni­ger wahr. Und des­halb wird ganz selbst­ver­ständ­lich alles, was mit dem Spes­sart zu tun hat, für mich zu einer sehr per­sön­li­chen Sache.

Aber bevor ich jetzt zu emo­tio­nal wer­de, soll­ten wir viel­leicht nüch­ter­ne Zah­len spre­chen las­sen: Zwei Pro­zent oder zwei Hun­derts­tel, dar­um geht es näm­lich. Zwei Pro­zent Wild­nis. Bereits im Jahr 2007 hat die Bun­des­re­gie­rung beschlos­sen, bis 2020 zwei Pro­zent der Lan­des­flä­che aus der Nut­zung zu neh­men und sich selbst zu über­las­sen. Ob zwei Pro­zent viel oder wenig sind, hängt immer davon ab, wovon wir spre­chen. Gera­de las ich davon, dass die Infla­ti­on im Euro­raum erst­mals wie­der eine zwei vor dem Kom­ma hat. Laut den Zei­tun­gen ist das sehr viel. Auch die Ren­ten sol­len in die­sem Jahr um etwa zwei Pro­zent stei­gen – da wie­der­um sagen vie­le, das sei wenig. Und was sind zwei Pro­zent für die Wild­nis? Als Spre­cher des WWF Deutsch­land sage ich, zwei Pro­zent Wild­nis in Deutsch­land sind weder beson­ders viel, noch beson­ders wenig – son­dern schlicht­weg etwas, auf das wir uns ver­stän­digt haben, es zu erreichen.

Zwei Pro­zent Wild­nis in Deutschland

Ins­ge­samt ver­fügt Deutsch­land über eine gesam­te Boden­flä­che von fast 360.000 km². Der abso­lu­te Groß­teil davon wird land­wirt­schaft­lich genutzt (51,6%). Sied­lun­gen und Stra­ßen kom­men auf 13,7 Pro­zent und auf die deut­schen Wäl­der ent­fal­len knapp 30,6 Pro­zent. Fast 100 Pro­zent von Deutsch­lands Flä­che wird in irgend­ei­ner Form von Men­schen genutzt. Ganz exakt ste­hen momen­tan 99,4 Pro­zent der Lan­des­flä­che unter mensch­li­cher Nut­zung. Es blei­ben 0,6 Pro­zent, die aus­schließ­lich der Natur über­las­sen sind. Auch ohne ein Wirt­schafts­exper­te zu sein, weiß ich, dass 0,6 deut­lich weni­ger als zwei Pro­zent sind. Und bis zum Jahr 2020 sind es nur noch drei Jah­re. In die­sem Zusam­men­hang schei­nen zwei Pro­zent Wild­nis sogar sehr viel zu sein – fast schon zu viel.

Die Deut­sche Wild­nis wird künst­lich hergestellt

Ech­te Wild­nis gibt es eigent­lich gar nicht in Deutsch­land. Die der­zei­ti­gen 0,6 Pro­zent Wild­nis sind aus­schließ­lich in den 16 Natio­nal­parks unse­res Lan­des zu fin­den (die geschütz­ten mari­ti­men Flä­chen der Ost- und Nord­see wer­den dabei nicht mit­ge­zählt). Unse­re künf­ti­ge deut­sche Wild­nis, also eben jene zwei Pro­zent, soll künst­lich her­ge­stellt wer­den. Das klingt para­dox, ist aber poli­tisch beschlos­sen und außer­dem sinn­voll. In der Fach­spra­che wird das als „Pro­zess­schutz“ bezeich­net. Das Span­nen­de dabei ist, dass kei­ner weiß, was genau pas­siert. Es gibt kein defi­nier­tes Ziel, nur eben, dass die Natur sich selbst über­las­sen wird.

Im Som­mer 2016 hat Bay­ern ange­kün­digt, nach dem „Bay­ri­schen Wald“ und „Berch­tes­ga­den“ einen drit­ten Natio­nal­park zu instal­lie­ren. Kon­kret geht es dabei (wohl) um 10.900 Hekt­ar Wald­flä­che im Hoch­spes­sart — und damit nur um einen Bruch­teil des über 240.000 Hekt­ar gro­ßen Spes­sarts. Nun wäre die Aus­wei­sung des Natio­nal­parks Spes­sart längst noch kei­ne Trend­wen­de, um die ange­peil­ten zwei Pro­zent bis 2020 zu errei­chen, doch sie wäre ein wich­ti­ger Schritt dahin. Aller­dings wird die­ses The­ma aktu­ell recht kon­tro­vers dis­ku­tiert von Geg­nern und Befür­wor­tern. Die Art und Wei­se der Dis­kus­si­on erin­nert an den „Stei­ger­wald“, um des­sen Umwand­lung in einen Natio­nal­park seit 2007 so hef­tig gestrit­ten wird, dass das The­ma aktu­ell poli­tisch als tot gilt. Auf­ge­heizt wird die Stim­mung vor Ort von den laut­star­ken Geg­nern, die schein­bar gewillt sind, das gesell­schaft­li­che Kli­ma im Spes­sart zu vergiften.

Mir wur­de sogar von T‑Shirts mit der Auf­schrift berich­tet „Leg dich nie­mals mit einem Spes­sar­ter an, wir ken­nen Orte, an denen dich nie­mand fin­det“. Soll wohl wit­zig sein…

Die Mehr­heit wünscht sich einen “Natio­nal­park Spessart”

Als Umwelt­schutz­or­ga­ni­sa­ti­on befür­wor­ten wir vom WWF Deutsch­land die Aus­wei­sung des Spes­sarts zum Natio­nal­park. Aller­dings wis­sen wir auch, dass Ängs­te und Vor­be­hal­te ernst genom­men wer­den soll­ten. Eine sol­che Ent­schei­dung über die Köp­fe der Betrof­fe­nen hin­weg wür­de kei­nen Sinn erge­ben. Daher woll­ten wir es genau­er wis­sen. Gemein­sam mit ande­ren Umwelt­ver­bän­den haben wir die Bevöl­ke­rung befragt, wie sie denn tat­säch­lich zu die­sem Vor­ha­ben ste­hen. Das Ergeb­nis ist ein­deu­tig: sat­te 64 Pro­zent der Befrag­ten äußer­ten sich in einer reprä­sen­ta­ti­ven Emnid-Umfra­ge posi­tiv gegen­über den Plä­nen, den Spes­sart zur „Wild­nis“ zu erklä­ren. Sogar in den unmit­tel­bar betrof­fe­nen Land­krei­sen Aschaf­fen­burg, Mil­ten­berg und Main-Spes­sart stimm­te die Mehr­heit dafür. Die Geg­ner befin­den sich dem­nach in der Unter­zahl. Poli­tisch ergibt sich jedoch ein ande­rer Ein­druck: näm­lich der, dass sich weni­ge, aber ein­fluss­rei­che Grup­pen zusam­men­ge­tan haben, um das Pro­jekt mit aller Macht zu ver­hin­dern. Wir emp­feh­len dem bay­ri­schen Umwelt­mi­nis­te­ri­um, sich unse­re Zah­len anzu­schau­en. Außer­dem for­dern wir die Poli­tik dazu auf, den Aus­wahl­pro­zess trans­pa­ren­ter und nach­voll­zieh­ba­rer zu gestalten.

Ich per­sön­lich wür­de mich freu­en, wenn mei­ne Hei­mat, mei­ne gelieb­ten Spes­sart­wäl­der wenigs­tens zum einem klei­nen Teil wie­der so wer­den könn­te wie sie zur Zeit der Spes­sar­träu­ber wohl ein­mal gewe­sen sind: mys­tisch, wild, faszinierend.

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Roland Gramling ist Exil-Franke, Frankfurt-Fan und Berlin(West)-Bewohner. Nach dem Online-Journalismus-Studium in Darmstadt wechselte er auf die dunkle Seite der Macht und verkaufte seine Seele an die PR und Pressearbeit.Seit 2008 ist er Pressesprecher beim WWF Deutschland und seitdem auf der Suche nach dem Kuh des Lebens (oder zumindest der Woche). Er findet Pandas süß und Wölfe cool und hält Lady Gaga für die größte Poetin seit Oscar Wilde. Sonntags ist er stets am Tatort und damit grundsätzlich verdächtig.Kurzweilige Desorientierung ist mitunter beabsichtigt aber nie gewollt. Er kann nicht über sich selbst lachen und hält das auch noch für witzig. Fleisch kommt ihm nicht auf den Teller aber gerne mal unters Messer. Für ihn ist das Internet noch total Neuland-mäßig, aber die gedruckte Zeitung schon längst tot. In diesem Sinne: Muuuh!
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