Wo der MSC Film Recht hat – und wo nicht


MSC - Eisbox mit Makrelen
MSC - zertifiziert: Handleinengefangene Makrelen aus England © Edward Parker / WWF

Eigent­lich kann sogar ich als lei­den­schaft­li­che Mee­res­schüt­ze­rin mir Schö­ne­res vor­stel­len, als an einem Mon­tag­abend eine Doku­men­ta­ti­on über ver­meint­li­ches Green­wa­shing beim Fisch­la­bel  MSC anzu­schau­en. Aber natür­lich habe ich mir den MSC-Film „Das Geschäft mit dem Fisch­sie­gel“ (ARD) ange­schaut. Der Autor Wil­fried Huis­mann hat­te mich ja auch bei sei­nen Recher­chen zum Film aus­führ­lich vor der Kame­ra inter­viewt (auch wenn ich dann nicht vor­kam). Und natür­lich erin­ner­te ich mich gut dar­an, dass der Fil­me­ma­cher den WWF vor eini­gen Jah­ren im Visier hat­te und wir vor Gericht gelan­det sind.

Die gro­ßen Schwä­chen des MSC

Der neue MSC-Film zeigt nun gro­ße Schwä­chen des Labels auf. Zum Bei­spiel bei den Fische­rei­en in beson­ders geschütz­ten Natu­ra 2000-Gebie­ten. Das ist die offi­zi­el­le Bezeich­nung für ein Netz­werk von Schutz­ge­bie­ten inner­halb der EU. Damit sol­len spe­zi­el­le Arten von See­vö­geln, Mee­res­säu­gern und Fischen und auch beson­ders schüt­zens­wer­te Lebens­räu­me wie Sand­bän­ke und Rif­fe geschützt wer­den. Die meis­ten euro­päi­schen Län­der haben aller­dings bis­her ihre selbst gesetz­ten Zie­le ver­fehlt, Arten und Lebens­räu­me in die­sen Gebie­ten wirk­sam zu bewah­ren. Denn dafür muss auch die Fische­rei ein­ge­schränkt und ver­än­dert wer­den. Dies ist bis­her kaum gesche­hen. Hier ist der MSC zu schwach. Schä­di­gen­de Fische­rei­en dür­fen nicht unter einem Nach­hal­tig­keits­sie­gel wich­ti­ge Natur­räu­me zer­stö­ren, nur weil die Poli­tik ihren Ver­pflich­tun­gen nicht nach­kommt. Genau des­halb wur­de der MSC einst gegrün­det, um feh­len­de Poli­tik zu erset­zen!

Dass die mexi­ka­ni­sche Thun­fisch­fi­sche­rei zer­ti­fi­ziert wur­de, dazu feh­len mir die Wor­te. Aus WWF-Sicht kann die­se Fang­me­tho­de mit Del­fi­nen nicht im MSC-Sys­tem zer­ti­fi­ziert wer­den. Punkt. Denn der MSC-Stan­dard schließt eine Jagd auf Mee­res­säu­ger prin­zi­pi­ell aus. Wir haben des­halb von Anfang an ver­sucht, die­se Zer­ti­fi­zie­rung zu ver­hin­dern. Wir haben dem MSC mehr­fach Argu­men­te vor­ge­tra­gen, dass Del­f­in­fi­sche­rei ein­deu­tig nicht in die  MSC-Anfor­de­run­gen passt. Auch sind nicht alle Daten der Beob­ach­ter an Bord im Zer­ti­fi­zie­rungs­ver­fah­ren ver­öf­fent­licht wor­den – ein Ver­stoß gegen eine eher­ne Regel des MSC, dass alle Daten  trans­pa­rent und öffent­lich gemacht wer­den! Und auch der wis­sen­schaft­li­che Nach­weis fehlt, dass die Del­fi­ne nicht am Ende doch an Todes­angst oder Ver­let­zun­gen ster­ben. Wir waren ganz sicher, dass wir die­ses Ein­spruchs­ver­fah­ren gegen die Zer­ti­fi­zie­rung gewin­nen. Die Sie­gel­ver­ga­be war ein schwar­zer Tag für den WWF.

Die im Film gezeig­te Hai­fi­sche­rei ist zum Glück nicht zer­ti­fi­ziert. Vie­le Hai­ar­ten gel­ten nach inter­na­tio­na­len Kri­te­ri­en als bedroht, eini­ge ste­hen auf der Roten Lis­te der vom Aus­ster­ben bedroh­ten Arten. Die Fische­rei ist selbst vom Ver­fah­ren zurück­ge­tre­ten, weil sie den MSC-Stan­dard mit ihrer der­zei­ti­gen Arbeits­wei­se nicht erfül­len wür­de. Und die­se Ein­schät­zung teilt der WWF voll und ganz. Wir haben im Vor­feld sowohl die Fische­rei als auch den MSC infor­miert, dass viel zu hoher Bei­fang auch von bedroh­ten und geschütz­ten Hai­en (wie Ham­mer- und Fuchs­hai) anfällt. Neu­es­te wis­sen­schaft­li­che Stu­di­en wei­sen außer­dem nach, dass bei einer gefisch­ten Hai­art, näm­lich Mako­hai­en, der Bestand erheb­lich ein­ge­bro­chen ist. Die Fische­rei ist aus unse­rer Sicht daher nicht zer­ti­fi­zier­bar.

Was wir vom MSC wol­len

Ich habe es in den letz­ten Jah­ren schon oft gesagt: Auch wir glau­ben, dass der MSC sich mas­siv refor­mie­ren muss. Um wie­der das zu wer­den, was er sein muss: für den Ver­brau­cher ein Sie­gel des Ver­trau­ens. Für den Mee­res­schutz ein Werk­zeug, um die Über­fi­schung zu stop­pen, bedroh­te Arten und wich­ti­ge Lebens­räu­me zu schüt­zen.

Genau des­halb hat der WWF den MSC vor über 20 Jah­ren mit­ge­grün­det. Als ein inno­va­ti­ves Instru­ment, um Fischer, Wis­sen­schaft­ler, Indus­trie und Mee­res­schüt­zer an einen Tisch zu bekom­men, um die ekla­tan­ten poli­ti­schen Schwä­chen aus­zu­glei­chen. Wir ste­hen an einem Wen­de­punkt und erwar­ten kon­kre­te Schrit­te vom MSC. Inzwi­schen haben wir uns aus dem Vor­stand zurück­ge­zo­gen, weil wir eini­ge Ent­schei­dun­gen des MSC nicht mehr mit­tra­gen konn­ten. Aber eigent­lich hät­ten wir es ger­ne anders. Denn der MSC kann einen Unter­schied bewir­ken, wenn sein Stan­dard stark ist und ohne Wenn und Aber ange­wen­det wird.

Nicht das grü­ne Fei­gen­blatt

Wir haben den MSC immer wie­der offen kri­ti­siert, eini­ge Zer­ti­fi­zie­run­gen klar abge­lehnt und kon­kre­te Refor­men des MSC ange­mahnt. Wir haben im März 2018 unse­re welt­weit über 100 Sea­food-Part­ner infor­miert, dass wir beim MSC mas­si­ve Schwach­stel­len sehen und Refor­men für zwin­gend not­wen­dig hal­ten. Nein, wir wol­len wahr­lich nicht das grü­ne Fei­gen­blatt des MSC sein.

Noch­mal: Die Miss­stän­de beim MSC sind auch für uns nicht zu tole­rie­ren. Da sind wir mit dem Film voll d´accord. Aber was 45 Minu­ten natür­lich nicht zei­gen kön­nen, ist das ver­hee­ren­de Gesamt­bild.  88 Pro­zent des welt­wei­ten Fangs sind über­haupt nicht zer­ti­fi­ziert. Hier lie­gen die meis­ten der rie­si­gen Pro­blem, die wir auf den Mee­ren haben.

Über­gro­ße Mehr­heit des Fisch­fangs ist unzer­ti­fi­ziert

Nicht der MSC, son­dern die taten­lo­se Poli­tik und gewis­sen­lo­se, völ­lig unre­gle­men­tier­te Aus­plün­de­rung zer­stö­ren unse­re Mee­re. Ich blei­be dabei: Die gro­ße Mehr­zahl der MSC-Fische­rei­en sind zu Recht als nach­hal­tig aus­ge­zeich­net.

Für die rie­si­ge Auf­ga­be, Fische­rei nach­hal­ti­ger zu machen, brau­chen wir in Zukunft wei­ter jedes Mit­tel. Ja, und am bes­ten auch einen tief­grei­fend refor­mier­ten MSC.

Vorheriger Beitrag Achtmal Quatsch zum Thema Fischfang
Nächster Beitrag Wo findet man Waldmeister? Wie macht man Maibowle?
Heike Vesper

Über mich
Heike Vesper

Dass alles Leben aus dem Meer kommt und die Ozeane der größte Lebensraum auf der Erde sind, hatte mich schon als Kind völlig fasziniert. Ich träumte davon unter Wasser atmen zu können. Das Ausmaß der Naturzerstörung durch die Fischerei und besonders die Überfischung dagegen waren schockierend. Und sind sie heute noch. Ich arbeite beim WWF schon seit 1999. Wer festgefahrene Strukturen ändern will, braucht viel Geduld. Aber auch wenn die Fortschritte zum Schutz der Meere langsam sind darf man niemals Aufgeben – denn wer aufgibt, der hat schon verloren.

Kein Kommentar

Einen Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.