Gast­bei­trag: Was­ser­kraft bedroht den Ama­zo­nas


In Südamerika bedroht der Bau von 250 neuen Wasserkraftwerken den Regenwald und das gesamte Flusssystem des Amazonas. Das Amazonasgebiet ist eine der wichtigsten Ökoregionen der Erde. Es beherbergt den größten zusammenhängenden Regenwald der Welt und gleichzeitig das größte Flusssystem. Rund ein Zehntel aller auf dem Planeten vorkommenden Tier- und Pflanzenarten haben hier ihr Zuhause. In den vergangenen 14 Jahren wurde im Schnitt alle drei Tage eine neue Art entdeckt. Wasserkraft kann eine nachhaltige Technologie sein, doch die Kraftwerke müssen umweltverträglich gebaut werden.
Lebensader Amazonas © Zig, Koch, WWF

Ich bin Rober­to und arbei­te schon seit über 15 Jah­ren für den Schutz des Ama­zo­nas Regen­wal­des. Hier wird Was­ser­kraft zum Pro­blem und des­halb betrifft mich, was gera­de beim Welt­was­ser­fo­rum in Süd­ko­rea dis­ku­tiert wur­de. Ich fra­ge mich, wie weit wir noch gehen wol­len. Müs­sen wirk­lich die letz­ten Wild­nis­se für Wirt­schafts­wachs­tums­zie­le geop­fert wer­den? Wie vie­le der Ent­schei­der, die jetzt so vie­le Flüs­se im Ama­zo­nas Regen­wald ver­bau­en wol­len, waren schon ein­mal da? Wur­den die Men­schen vor Ort über­haupt gefragt? Des­halb habe ich einen Gast­bei­trag geschrie­ben, der hier nach­zu­le­sen ist. Mein Fazit: Wir müs­sen DRINGEND aktiv wer­den, um zu ver­hin­dern, dass das Flus­sys­tem des Ama­zo­nas völ­lig zer­stört wird. Übri­gens, auch deut­sche Unter­neh­men sind betei­ligt.

Die umstrit­te­nen Vor­ha­ben zum Aus­bau der Was­ser­kraft am Ama­zo­nas gefähr­den nicht nur das gesam­te Sys­tem des Flus­ses, son­dern auch sei­ne Rol­le für das Welt­kli­ma.

Mit einem dring­li­chen Appell begann das sieb­te Welt­was­ser­fo­rum am Sonn­tag, den 12. April 2015 in Süd­ko­rea. Bei einer stark wach­sen­den Bevöl­ke­rung sei Was­ser das Risi­ko Num­mer eins für die glo­ba­le Gesell­schaft und ein fried­li­ches Mit­ein­an­der, sag­te Benedi­to Bra­ga, Vor­sit­zen­der des Welt­was­ser­rats, vor Hun­der­ten Dele­gier­ten aus aller Welt. Die Bot­schaft ist klar: Mit unse­rer wohl kost­bars­ten Res­sour­ce müs­sen wir deut­lich sorg­sa­mer umge­hen.

Nur rund 3,5 Pro­zent der glo­ba­len Was­ser­men­ge sind Süß­was­ser, und davon wie­der­um ist nicht ein­mal ein Pro­zent als Trink­was­ser ver­füg­bar. Ein ver­schwin­dend gerin­ger Anteil. Mil­lio­nen Men­schen leben Tag für Tag mit den Fol­gen der Knapp­heit, ohne dass wir im was­ser­rei­chen Deutsch­land davon groß­ar­tig Notiz neh­men. Auch jen­seits der Gebie­te mit chro­ni­schem Was­ser­man­gel erlebt die Welt gera­de eine Rei­he beun­ru­hi­gen­der Bei­spie­le, wie abhän­gig und ver­wund­bar wir sind.

In Kali­for­ni­en herrscht extre­me Dür­re. Gan­ze Land­stri­che an der West­küs­te der USA trock­nen aus. Die Bevöl­ke­rung wur­de nun ver­pflich­tet, ihren Was­ser­ver­brauch um ein Vier­tel zu sen­ken. Sogar Prä­mi­en zahlt der Staat nun, wenn die Men­schen ihren Rasen ver­trock­nen las­sen.

Mit ganz ande­ren Pro­ble­men müs­sen die Bra­si­lia­ner kämp­fen. Bei vie­len Bewoh­nern der Mil­lio­nen­stadt Sao Pau­lo kommt meh­re­re Tage pro Woche gar kein Was­ser mehr aus dem Hahn. Seit Jah­ren schon reg­net es kaum, die Spei­cher sind nur noch zu rund 15 Pro­zent gefüllt. Die Abhol­zung des Regen­wal­des im Ama­zo­nas for­dert ihren Tri­but und hat zu einer Ände­rung des Mikro­kli­mas geführt. Welch bit­te­re Iro­nie: Das Land mit den welt­weit größ­ten Süß­was­ser­re­ser­ven lei­det unter Was­ser­man­gel.

Wasserfall in São Paulo, Brasilien: Wasserkraft kann eine nachhaltige Technologie sein, doch die Kraftwerke müssen umweltverträglich gebaut werden.
Was­ser­fall in São Pau­lo, Bra­si­li­en © Adria­no Gam­ba­ri­ni, WWF

Neben ille­ga­len Holz­fäl­lern und der Umwand­lung von Wald in Wei­de­flä­chen und Soja­plan­ta­gen sieht der Ama­zo­nas einer wei­te­ren Bedro­hung ent­ge­gen. Mehr als 250 Was­ser­kraft­wer­ke pla­nen die Ama­zo­nas-Staa­ten in der Regi­on, wie der World Wide Fund For Natu­re (WWF) in einer aktu­el­len Stu­die ermit­telt hat. Die meis­ten davon in Bra­si­li­en.

Soll­ten die Plä­ne ver­wirk­licht wer­den, ent­stün­de eine gigan­ti­sche neue Strom­ka­pa­zi­tät von umge­rech­net rund 80 Atom­kraft­wer­ken. Was­ser­kraft zählt zu den rege­ne­ra­ti­ven Ener­gi­en. Wie kann also der WWF, der stets für eine Ener­gie­wen­de in Deutsch­land und welt­weit wirbt, sich gegen die sau­be­re Was­ser­kraft aus­spre­chen?

Tatsäch­lich ist Was­ser­kraft per se kei­ne schlech­te Tech­no­lo­gie. Doch wie bei jeder Tech­no­lo­gie muss sie mit Augen­maß ein­ge­setzt wer­den. Im vor­lie­gen­den Fall gleicht das Vor­ge­hen vie­ler süd­ame­ri­ka­ni­scher Regie­run­gen einer Brech­stan­ge. Nach Rea­li­sie­rung der Plä­ne ver­blie­ben ledig­lich drei frei flie­ßen­de Zubrin­ger­flüs­se des Ama­zo­nas – von der berühm­ten Wild­nis und Arten­viel­falt des größ­ten Regen­wald­ge­bie­tes der Erde wäre nicht viel übrig.

 

Bau eines Wasserkraftwerks am Fluss Teles Pires in Brasilien.
Hier ent­steht ein Was­ser­kraft­werk © Zig, Koch, WWF

Bau­vor­ha­ben gefähr­den das Welt­kli­ma

Die Bau­vor­ha­ben gefähr­den nicht nur das gesam­te Fluss­sys­tem mit sei­ner gro­ßen Bedeu­tung für die loka­le Bevöl­ke­rung, son­dern auch die wich­ti­ge Rol­le des Ama­zo­nas für das Welt­kli­ma. Unvor­stell­ba­re eine Mil­li­on Qua­drat­ki­lo­me­ter Flüs­se, Seen und Auen­wäl­der wären betrof­fen. Das ent­spricht nahe­zu der drei­fa­chen Flä­che Deutsch­lands.

Die Kraft­wer­ke sind auch ein Angriff auf die 30 Mil­lio­nen Bewoh­ner der Regi­on. Vie­le von ihnen müss­ten umge­sie­delt wer­den, ins­be­son­de­re indi­ge­ne Völ­ker wür­den ihre ange­stamm­ten Ter­ri­to­ri­en ver­lie­ren. Doch auch die­je­ni­gen, die blei­ben dür­fen, wer­den ver­lie­ren. Vie­ler­orts wird es zu einem Zusam­men­bruch der Fische­rei kom­men, die für die loka­le Bevöl­ke­rung von essen­ti­el­ler Bedeu­tung ist. Denn für Fische stel­len die Däm­me der Kraft­wer­ke ein unüber­brück­ba­res Hin­der­nis dar und zer­schnei­den ihre natür­li­chen Wan­der­we­ge.

In Bra­si­li­en rei­hen sich die Plä­ne ein in eine poli­ti­sche Kehrt­wen­de im Umwelt­schutz. In den letz­ten 20 Jah­ren konn­te das Land gro­ße Erfol­ge beim Schutz des Ama­zo­nas ver­zeich­nen. Allein zwi­schen 2004 und 2014 ist die Ent­wal­dung um 80 Pro­zent zurück­ge­gan­gen. Kein ande­rer Staat Süd­ame­ri­kas konn­te einen ver­gleich­ba­ren Erfolg vor­wei­sen.

Doch seit eini­gen Jah­ren drän­gen die Agrar‑, Berg­bau- und Ener­gie­kon­zer­ne auf die poli­ti­sche Büh­ne. Sie set­zen auf eine völ­lig unge­brems­te Expan­si­on. Im Par­la­ment hat die frak­ti­ons­über­grei­fen­de Lob­by bereits mehr als die Hälf­te aller Abge­ord­ne­ten auf ihrer Sei­te. Nun bläst sie zum Groß­an­griff: Mit­hil­fe einer Ver­fas­sungs­än­de­rung und einem neu­en Berg­bau­ge­setz sol­len indi­ge­ne und staat­li­che Schutz­ge­bie­te auf­ge­löst wer­den kön­nen, wenn dies dem „natio­na­len Inter­es­se“ dient. Dass „natio­na­les Inter­es­se“ hier mit dem Inter­es­se der Kon­zer­ne gleich­ge­setzt wird, ver­steht sich von selbst.

Der WWF for­dert, dass Schutz­ge­bie­te und indi­ge­ne Ter­ri­to­ri­en strikt von den Kraft­werks­plä­nen aus­ge­nom­men wer­den. Gleich­zei­tig müs­sen auch bis­lang unge­schütz­te Fluss­sys­te­me erhal­ten wer­den. Doch wel­che Alter­na­ti­ven gibt es? Klar ist, dass sich der Strom­be­darf Bra­si­li­ens erhö­hen wird. Der WWF setzt sich daher für einen Strom-Mix ein, der neben Was­ser­kraft vor allem auch Wind, Son­ne und Bio­mas­se ein­schließt.

Das Land ver­fügt hier über rie­si­ge und bis­lang kaum genutz­te Poten­zia­le. Mit einer För­de­rung die­ser Tech­no­lo­gi­en und gleich­zei­ti­gen Maß­nah­men zur Stei­ge­rung der Ener­gie­ef­fi­zi­enz könn­te die Strom­ver­sor­gung sicher­ge­stellt wer­den, ohne die Umwelt zu zer­stö­ren. Bra­si­li­en könn­te so ein zwei­tes Mal zum Vor­rei­ter und Vor­bild sei­ner Nach­bar­län­der werden.[/column] [/row]

Die­ser Arti­kel erschien am 16. April 2015 als Gast­bei­trag in der Frank­fur­ter Rund­schau.

 

Vorheriger Beitrag Junge Robbe gesichtet – was nun? Einige Verhaltenstipps
Nächster Beitrag Wo es zu Ostern „gute“ Eier gibt
Avatar

Über mich
Roberto Maldonado

Ich bin Diplom-Forstwirt und Südamerika-Referent beim WWF Deutschland - mit 15 Jahren Berufserfahrung in Lateinamerika und Afrika. Mindestens genauso lange arbeite ich auch schon für den Schutz des Amazonas-Regenwaldes. Schwerpunkte meiner Arbeit sind die Ausweisung, der Schutz und die Finanzierung von Schutzgebieten, die Anpassung an den Klimawandel, die Bekämpfung der Entwaldung durch Vieh- Landwirtschaft und Infrastrukturprojekte - und die Planung und Durchführung von umweltpolitischen Kampagnen.

1 Kommentar

  1. Avatar
    Gertje
    26. August 2015
    Antworten

    Die Zer­stö­rung wei­te­rer Gebie­te des Ama­zo­nas, zur Gewin­nung von Mine­ra­li­en, hat auch mit der enor­men Weg­werf­ge­sell­schaft der Indus­trie­na­tio­nen zu tun. Damit hat jeder Ein­zel­nen von uns es in der Hand der Indus­trie die rote Kar­te zu zei­gen:
    Denn muss ich alle zwei Jah­re ein neu­es Smart­pho­ne habe? Muss ich immer den neu­es­ten Flach­bild­schirm, die neu­es­ten HiFi-Gerä­te und Com­pu­ter, Tablet, usw. besit­zen? Muss es immer das neu­es­te Auto sein???
    Dies alles sind ROHSTOFFE, die z.T. nur in Regen­walt­ge­bie­ten vor­kom­men.
    Also: Jeder und Jede ein­zel­ne von uns hat es in der Hand!
    Genau­so Alu­mi­ni­um: um die­ses Mine­ral über­haupt her­stel­len zu kön­nen brauch man Bau­xit, Bau­xit aber kommt nur in den Tie­fen unter den Regen­wäl­dern vor, ist sehr schwer und nur unter Ein­satz wei­te­rer Che­mi­ka­li­en abbau­bar. D.h. ein­mal aus­ge­beu­te­te Gebie­te sind über Jahr­zehn­te ver­seucht!
    Zur Her­stel­lung von Com­pu­ter­chips wer­den Sili­ka­te benö­tigt, auch die­se kom­men nur unter Regen­wäl­dern vor!
    Denkt bit­te doch alle mal über euer Kon­sum­ver­hal­ten nach!
    Und lie­be Smart­pho­ne­herrstel­ler, auch ihr soll­tet drin­gend mal über eure Bau­wei­se der Smart­pho­ne-Selbst­zer­stö­rung nach zwei Jah­ren nach­den­ken! Wir alle tra­gen eine Ver­ant­wor­tung für unse­re Umwelt!
    Allei­ne die­ser Som­mer in Deutsch­land ist schon mal wie­der ein deut­li­cher Vor­ge­schmack auf das was uns in Zukunft erwar­tet: extre­me Hit­ze wech­selt sich ab mit extre­men Regen­fäl­len, und hef­ti­gen Som­mer­stür­men oder gar Orka­nen, wie man sie sonst maxi­mal alle2 Jah­re in Her­bat oder Früh­ling hat­te, ab. Nun sind es allei­ne in die­sem Jahr ca. 4 hef­ti­ge Orka­ne allei­ne in Nord-West-Deutsch­land gewe­sen. Wollt ihr den Kli­mawn­del immer noch leug­nen? Wollt ihr eure und unse­re Mit­schul­schuld immer noch leug­nen?

    Schon seit Jahr­zehn­ten wis­sen wir wie wich­tig die Regen­wäl­der der gesam­ten Erde und allen vor­an der Ama­zo­nas für die Sta­bi­li­tät des Welt­kli­mas und für die Sauer­stoff­pro­duk­ti­on in unse­rer Atmo­sphä­re sind!!!
    Ohne Sauer­stoff könnt auch ihr nicht mehr Leben!!!

    Ich hof­fe mit die­sem Bei­trag den ein oder ande­ren zum Nach­den­ken gebracht zu haben!
    Lie­be Grü­ße,
    Gert­je

Einen Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.