War­um ein Bad im Wald jetzt genau das Rich­ti­ge für Euch ist!

Lieber einen Baum umarmen als niemanden © Staffan Widstrand / WWF

Was? Zu kalt? Aber nicht doch: Wald­ba­den! Durch den Wald lust­wan­deln. Und viel­leicht auch einen Baum umar­men. Oder zwei …

Die­ser Text star­tet mit einem Geständ­nis: Ich habe noch nie einen Baum umarmt. Dabei ist Baumum­ar­men (#tree­hug­ging) und Wald­ba­den (aka Wald-Spa­zier­gang) erwie­se­ner­ma­ßen gut für Kör­per und Geist — und die risi­ko­frei umarm­ba­ren Lebe­we­sen sind Coro­na-bedingt rar.

Frü­her als Kind waren wir in den Feri­en oft Blau­bee­ren sam­meln. Dann wur­den immer die Fahr­rä­der genom­men, auf in den Wald! Mit unge­schick­ten Groß­städ­ter-Schrit­ten taps­ten wir über Stö­cke, Moos und Laub. Die Far­ne wuch­sen so hoch, dass sie mir als Acht­jäh­ri­ge bis zur Stirn stan­den. Nach geta­ner Arbeit gab es zum Abschluss des Tages für jeden eine Schlüs­sel Bee­ren, mit Milch und Zucker ver­steht sich.

Mitt­ler­wei­le krie­ge ich die Blau­bee­ren nur noch aus dem Super­markt. Die sind auch okay. Aber da fehlt was. Die Kuh­milch von damals wird neu­er­dings durch eine Hafer­va­ri­an­te ersetzt, eh klar. Aber das ist es nicht. Was fehlt, ist der Kon­takt zum Wald. Aber wer hat noch Kapa­zi­tä­ten, einen gan­zen Tag Aus­zeit zu machen, nur, um zwi­schen Bir­ken und Fich­ten zu wandeln?

Hei­lung durch Wald — nicht nur Esoterikgedöns

Gar nicht so weni­ge, wie sich aktu­ell zeigt. Zum pan­de­mie­be­ding­ten Trend­sport Spa­zie­ren­ge­hen ent­deckt man gegen­wär­tig auch den Wald wie­der für sich. Nicht nur als Rei­se­ziel, son­dern als qua­si ortge­wor­de­nes Heil­mit­tel gegen alle phy­si­schen und psy­chi­schen Weh­weh­chen des moder­nen Men­schen. Echt jetzt?

Tat­säch­lich steckt hin­ter der Wald­lust nicht nur eso­te­ri­sches Wunsch­den­ken. Zumin­dest nicht aus­schließ­lich. In Japan för­der­te das Land­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um bereits in den Acht­zi­gern das Wald­ba­den, dort unter dem Begriff Shin­rin-yoku bekannt. Mit einem mil­lio­nen­teu­ren For­schungs­pro­jekt tes­te­te man den Wald­spa­zier­gang auf sei­ne heil­sa­me Wir­kung. Mit Erfolg. Dem­nach erhöht das aus­gie­bi­ge Schlen­dern unter Bäu­men die Zahl von T‑Zellen im Kör­per. Das sind die, die erken­nen, wenn uns etwa ein Virus atta­ckiert. Immunabwehrboost.

So badet man rich­tig im Wald

Und was genau muss man jetzt tun, damit der Wald­spa­zier­gang sei­ne vol­le Wir­kung ent­fal­tet? Wir wol­len ja schließ­lich nicht ein­fach stur durch die Gegend lau­fen, son­dern pro­fes­sio­nell Shin­rin-yoku machen. Wich­tig ist das Ziel des Aus­flugs. Näm­lich, dass es kein Ziel geben darf.

Für ein anstän­di­ges Shin­rin-yoku sucht man sich nicht etwa vor­ab die bes­te Wan­der­rou­te aus und mar­schiert die mög­lichst effi­zi­ent ab. Im Gegen­teil: Der wah­re Wald­fla­neur gibt sich dem spon­ta­nen Erleb­nis vor Ort hin. Eine umge­stürz­te Lin­de liegt quer über den Wald­bo­den? Eine per­fek­te Gele­gen­heit für einen spon­ta­nen Balan­ce­akt! Wer vor Ort medi­tie­ren will oder Yoga machen, kann das ger­ne ein­bin­den. Außer­dem wird wäh­rend der Tour geschwiegen.

Schmu­sen mit Bäumen

Und wer sich aktu­ell arg nach Kör­per­kon­takt sehnt, kann auch ein­fach mal einen Baum umar­men. So emp­fiehlt es bei­spiels­wei­se ganz offi­zi­ell Islands Förs­te­rei­be­hör­de. Auch wenn so eine kal­te feuch­te Rin­de maxi­mal ein mit­tel­mä­ßi­ger Ersatz sein kann. Aber wer will da klein­lich sein.

Ran an die Rinde

Ich wage es, obwohl ich mir maxi­mal däm­lich dabei vor­kom­me. Ein­ge­fleisch­te Baumumarmer:innen schwö­ren auf das woh­li­ge Gefühl, das sich ein­stel­len soll. Wis­sen­schaft­lich halb­wegs erwie­sen ist, dass der Blick ins Grün und die Nähe zu Bäu­men, die selbst per­ma­nent Stof­fe aus­sen­den, um mit­ein­an­der zu kom­mu­ni­zie­ren (Tan­ni­ne zum Bei­spiel) beim Men­schen für den Aus­stoß von Oxy­to­cin sor­gen. Oxy­to­cin ist ein Glücks­hor­mon, wir pro­du­zie­ren es beim Kuscheln, beim Sex, bei der Geburt. Es sorgt für die­ses Gefühl von Nähe und Gebor­gen­heit. Genau das brau­che ich.

In Indi­en hat das Gewäch­se­knud­deln übri­gens lan­ge erns­te poli­ti­sche Tra­di­ti­on, die bis weit vor die Coro­na­zeit reicht. Schon 1730 umarm­ten Mit­glie­der der Bish­noi-Reli­gi­ons­ge­mein­schaft Bäu­me als Pro­test­ak­ti­on. 2017 ver­sam­mel­ten sich im indi­schen Thiru­va­n­antt­ha­puram 4620 Men­schen, um gemein­sam mit Bäu­men zu schmu­sen. Welt­re­kord. Ob sich das bei den Teil­neh­men­den auch irgend­wie posi­tiv aufs Immun­sys­tem aus­ge­wirkt hat, ist nicht bekannt.

Bekannt­ge­ge­ben wer­den kann: Ich habe es getan! End­lich einen Baum umarmt. Zwei sogar. Mit­ten in der Stadt. Heim­lich. Bei Nacht. Vor Umar­mung Num­mer 1 habe ich mich noch umge­se­hen. Guckt gra­de wer? Ich umar­me. Atme. Höre Leu­te. Schnell wei­ter. 30 Meter spä­ter der nächs­te Stadt­baum. Ich umar­me, schlie­ße die Augen, mer­ke, dass mein Herz viel zu schnell schlägt. Nach ein paar Sekun­den wird es lang­sa­mer, das Gefühl von Rin­de auf der Haut löst was woh­li­ges aus, Kind­heits­er­in­ne­rung bestimmt. Ich höre Leu­te. Jetzt sind sie mir egal.

Ok fer­tig, ab nach Hau­se, die Nacht ist kalt. Auf dem Rück­weg kom­me ich nicht umhin, jeden Baum flüch­tig zu strei­cheln. Das Herz bleibt auf nied­ri­ger Fre­quenz, ich: arg ent­spannt. Erwacht da gera­de der Tree­hug­ger in mir?

Auch Lust gekriegt? In Thü­rin­gen unter­stützt der WWF ein Urwald­pro­jekt, das zum Wald­ba­den lädt

Kein Wald vor der Tür? Na bit­te, nimm dir die Wald­me­di­ta­ti­on

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