Wald­brän­de in Kana­da: Kata­stro­phe im Ölsand-Land


Autoschlange vor Feuerwalze: Waldbrände in Alberta, Kanada: Die Menschen fliehen aus Fort McMurray
Waldbrände: Die Menschen fliehen aus Fort McMurray © DarrenRD - CC-BY-SA-4.0 - http://bit.ly/1X6JOLi

Ölsand ist ein Pro­blem. „Mit dem Land, das hier ver­schwin­det, ver­schwin­det auch die Lebens­wei­se eines gan­zen Vol­kes.“ Mike Mer­cre­di gehört zu den Atha­bas­ca Fort Chip­e­wyan First Nati­ons, einem Indi­ge­nen-Volk nörd­lich der Stadt Fort McMur­ray in West­ka­na­da, die gera­de von ver­hee­ren­den Wald­brän­den heim­ge­sucht wur­de.

Mike Mercredi von den Athabasca Fort Chipewyan First Nations, einem Indigenen-Volk südlich von Fort McMurray in Westkanada
Mike Mer­cre­di, Fort Chip © M. Mer­cre­di

Doch als er mir von der Angst um sein Volk erzähl­te, wuss­te er davon noch nichts: In unse­rem Gespräch ging es um die Ölsand-Pro­duk­ti­on, für die gro­ße Tei­le der Wild­nis West­ka­na­das in eine Wüs­ten­land­schaft ver­wan­delt wer­den. Indi­rekt mit­ver­ant­wort­lich ist für die Brand­ka­ta­stro­phe, unter der die Regi­on nun lei­det.

Feu­er: Flucht nach Fort Chip­e­wyan

Mike Mer­cre­di hin­ter­lässt Ein­druck, wenn er spricht. Ich sit­ze ihm gegen­über am Atha­bas­ca-See in der klei­nen Sied­lung Fort Chip­e­wyan und muss vor Rüh­rung eini­ge Male schlu­cken. Das war 2009. Seit letz­ter Woche erhal­te ich von Mike nur noch Kata­stro­phen­nach­rich­ten und Eva­ku­ie­rungs­plä­ne: Extre­me Wald­brän­de hat­ten auf die Stadt Fort McMur­ray über­ge­grif­fen, 90.000 Men­schen muss­ten eva­ku­iert wer­den. Dar­un­ter auch vie­le Indi­ge­ne, die in einer groß ange­leg­ten Ret­tungs­ak­ti­on mit Boo­ten in das ver­schon­te Fort Chip­e­wyan geholt wur­den.

„Wir alle sind betrof­fen: Tie­re, Land und Men­schen. Aber die Men­schen sind sicher ent­kom­men, dafür bin ich dank­bar!“ (M. Mer­cre­di)

Inzwi­schen zie­hen die Brän­de wei­ter Rich­tung Osten, in men­schen­lee­re Regio­nen. Mit den schwä­cher wer­den­den Feu­ern wird nun auch lang­sam die Ölsand-Pro­duk­ti­on wie­der ange­fah­ren in Fort McMur­ray.

Ölsand: Eine Regi­on wird abge­bag­gert

Riesige Laster in zerwüsteter Umgebung: Ölsand-Mine im Norden von Fort McMurray, Alberta, Kanada.
Ölsand-Mine im Nor­den von Fort McMur­ray, Alber­ta, Kana­da © Glo­bal War­ming Images / WWF

Hier, im Atha­bas­ca-Becken in der kana­di­schen Pro­vinz Alber­ta, lagern die dritt­größ­ten Ölre­ser­ven der Welt. Doch man kann sie nicht abpum­pen, sie sind im Teer­sand gebun­den. Um an das Öl zu kom­men, wird der Sand abge­bag­gert, Kana­das Urwäl­der fal­len dem groß­flä­chig zum Opfer, wert­vol­le Öko­sys­te­me wer­den zer­stört.

„Wir fürch­ten um unse­re Leben, wir fürch­ten uns, weil wir nicht wis­sen, ob wir unse­ren Kin­dern noch erlau­ben kön­nen, im Fluss zu schwim­men – oder ob sie das Was­ser aus dem Hahn trin­ken dür­fen.“ (Mike Mer­cre­di)
Das Aus­maß ist kaum vor­stell­bar, wenn man es nicht selbst gese­hen – und gero­chen hat: In der Luft liegt eine bestän­di­ge Mischung aus Schwe­fel und Teer. Die Land­schaft sieht aus wie eine rie­si­ge, dunk­le Wüs­te, aus der in regel­mä­ßi­gen Abstän­den Rauch­säu­len auf­stei­gen und hell beleuch­te­te Fabri­ken her­aus­ra­gen: In der Ölpro­duk­ti­on wird rund um die Uhr gear­bei­tet.

Gefahr durch Gift­se­en

Durch die unwirk­li­che, kar­ge Land­schaft fah­ren hun­der­te Ton­nen schwe­re Las­ter. Mit einem klei­nen PKW darf man sich hier nur ange­mel­det hin­ein­wa­gen – mit rie­si­gem Wim­pel auf dem Auto, damit man von den Fah­rern in ihren haus­ho­hen Trucks nicht über­se­hen wird. Es ist stau­big. Und es stinkt. Der Gestank kommt von rie­si­gen, schlie­ri­gen Seen. Die Stim­mung ist unheim­lich: Alle paar Minu­ten ertö­nen Schreck­schuss­ka­no­nen, damit kein Vogel­schwarm auf dem ver­meint­li­chen Was­ser lan­det.

Tailing Ponds heißen die Seen aus giftigem Abwasser. Dieser hier gehört zur Syncrude Mine im Norden von Fort McMurray. © Global Warming Images / WWF
Tail­ing Ponds hei­ßen die Seen aus gif­ti­gem Abwas­ser © Glo­bal War­ming Images / WWF

Die Vögel wür­den ster­ben, wenn sie hier lan­den, die Seen sind gif­tig. Denn das Öl wird mit ätzen­der Lau­ge aus dem Sand gewa­schen und die Abwäs­ser dann hier in die Land­schaft gepumpt – auf Pla­nen zwar, aber Exper­ten schät­zen, dass täg­lich meh­re­re Mil­lio­nen Liter ins Grund­was­ser und den nahe gele­ge­nen Atha­bas­ca-Fluss sickern.

Macht der Fluss krank?

Rund um Fort Chip­e­wyan, wo der Fluss in den Atha­bas­ca-See mün­det, wirkt die Natur noch unbe­rührt und wun­der­schön. Doch der Schein trügt, den Men­schen hier geht es schlecht. Sie kämp­fen mit unge­wöhn­lich hohen Krebs­ra­ten, der Fried­hof des klei­nen Ört­chens ist rie­sig.

Schatten über Fort Chipewyan: Sonne durchbricht dunkle Wolkendecke über dem Lake Athabasca
Schat­ten über Fort Chip­e­wyan © Ste­pha­nie Probst

Die Fort Chip­e­wyan First Nati­ons ver­mu­ten die Ursa­che in der Ölsand­pro­duk­ti­on. Immer­hin zie­hen sie seit Jah­ren Fische mit Muta­tio­nen aus dem See: Wie ihre Vor­fah­ren ernäh­ren sich vie­le Indi­ge­ne hier noch von der Jagd und vom Fisch­fang. Die Umwelt­zer­stö­rung beraubt sie ihrer Lebens­grund­la­ge und so müs­sen immer mehr von ihnen in der Ölsand­pro­duk­ti­on arbei­ten gehen – an den Ort, den sie als Grund des Übels sehen.

Ölsand ins Feu­er

Ist die Ölsand­in­dus­trie auch mit­ver­ant­wort­lich für das Aus­maß der Brän­de in Alber­ta? Als ich von der Kata­stro­phe erfuhr, konn­te ich es mir zunächst nicht anders vor­stel­len. Doch einen direk­ten Zusam­men­hang gibt es nicht, die Ölfel­der wur­den weit­ge­hend ver­schont, die För­der­an­la­gen her­un­ter­ge­fah­ren. Das Öl scheint die Feu­er nicht zusätz­lich ange­facht zu haben.

Fabriken und Qualm: Ölsand Produktion bei Fort McMurray
Ölsand Pro­duk­ti­on © Ste­pha­nie Probst

Eine indi­rek­te Ver­bin­dung lässt sich aber doch zie­hen.
Als Fol­ge des Wet­ter­phä­no­mens El Nino war das letz­te Jahr extrem mild und tro­cken in Alber­ta. Dazu kamen für die­se Jah­res­zeit unge­wöhn­lich hohe Tem­pe­ra­tu­ren.
Die Ölin­dus­trie in Fort McMur­ry ver­ur­sacht um ein Viel­fa­ches mehr CO2 als die kon­ven­tio­nel­le Ölge­win­nung. Ganz abge­se­hen davon, dass das, was hier geför­dert und womit hier jede Men­ge Geld gemacht wird, Ursa­che für den Kli­ma­wan­del ist. Man könn­te also sagen, dass der Kli­ma­wan­del nun in einer Regi­on zuschlägt, deren Ölpro­duk­ti­on maß­geb­lich dafür ver­ant­wort­lich ist.

 

Natur: Am Rande von Fort McMurray lässt sich erahnen, wie es hier wohl überall mal ausgesehen hat
Am Ran­de von Fort McMur­ray lässt sich erah­nen, was für die Ölfel­der zer­stört wur­de © Ste­pha­nie Probst

 

 

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Über mich
Stephanie Probst

Journalistin und Redakteurin für Video, Audio und Text. Freie Autorin für den WWF, weil ich an den Umweltschutz glaube und dafür trommeln möchte. Und weil das alles so wahnsinnig spannend ist!

2 Kommentare

  1. Avatar
    Hartmut Reinke
    13. Mai 2016
    Antworten

    Ver­duns­tet da nicht enorm viel Was­ser, wenn gro­ße Land­flä­chen der natür­li­chen Vege­ta­ti­on beraubt wer­den? Stich­wort “Ero­si­on”.

  2. Avatar
    Katharina Ruffert,Rathenowerstr.70 10559 Berlin
    14. Mai 2016
    Antworten

    Was für eine schmut­zi­ge Erde hin­ter­las­sen wir unse­ren Nach­kom­men

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