Unser Boden kann viel — aber nicht alles

Der Boden ernährt uns. Und kann noch viel mehr. CC0 Dylan de Jonge https://unsplash.com/photos/9SjCXUq_qSE

Der Boden ernährt uns alle. Umso erstaun­li­cher, wie wenig wir uns dafür inter­es­sie­ren. Meis­tens nur an ein paar Tagen im Som­mer — und dann noch am 5. Dezem­ber. 

Im Juni oder Juli sind häu­fig die ers­ten, über meh­re­re Tage andau­ern­den Hit­ze­pha­sen. Wäl­der ver­trock­nen, Parks und Wie­sen wer­den braun, der Land­wirt­schaft geht das Tier­fut­ter aus und die Früch­te auf den Äckern ver­dor­ren. Dann wer­den ers­te Ern­te­aus­fäl­le gemel­det. Kurz taucht das Gespenst der Ver­sor­gungs­si­cher­heit auf. Dann schau­en wir wie­der auf die Böden. Und erken­nen, wie wich­tig es ist, sie zu schüt­zen. Damit sie auch in tro­cke­nen Pha­sen noch Was­ser spei­chern und Lebens­mit­tel erzeu­gen kön­nen. 

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Der zwei­te Anlass ist der 5. Dezem­ber — der Welt­tag des Bodens. An die­sem Tag wer­den ger­ne die Funk­tio­nen der Böden ins Gedächt­nis geru­fen. Unse­re Böden ver­sor­gen uns mit Lebens­mit­teln. Sie sind Habi­tat für vie­ler­lei Lebe­we­sen, fil­tern Was­ser und lie­fern uns Roh­stof­fe. 

Eine Funk­ti­on oder Bedeu­tung fin­det in den letz­ten Jah­ren aller­dings immer stär­ker Beach­tung: Böden kön­nen Koh­len­stoff spei­chern. Und das in gro­ßen Men­gen. In den Böden unse­rer Erde ist mehr Koh­len­stoff gespei­chert als in der gesam­ten ober­ir­di­schen Bio­mas­se zusam­men. Vor dem Hin­ter­grund der immer wei­ter stei­gen­den Treib­haus­gas­emis­sio­nen eine beacht­li­che Tat­sa­che. 

In Euro­pa sind nur drei Pro­zent der land­wirt­schaft­li­chen Flä­che Moor­bö­den. Aller­dings sind die für ein Vier­tel der Emis­sio­nen aus der Land­wirt­schaft ver­ant­wort­lich. Etwa ein Vier­tel der Lan­des­flä­che der Euro­päi­schen Uni­on ist Acker­land. Und auch Acker­land kann gro­ße Men­gen Koh­len­stoff spei­chern. 

Es könn­te noch viel mehr gespei­chert werden

Wir haben in einer Stu­die des WWF  über­schla­gen, dass Ver­bes­se­run­gen im Acker­bau, wie mehr unter­schied­li­che Kul­tu­ren, redu­zier­te Stick­stoff­dün­gung und weni­ger Pes­ti­zi­de, dazu füh­ren kön­nen, dass pro Hekt­ar und Jahr durch­schnitt­lich 300 Kilo­gramm Koh­len­stoff in Form von Humus im Boden gespei­chert wer­den kön­nen. Das ent­spricht etwas mehr als einer Ton­ne CO2. Auf die gesam­te acker­bau­lich genutz­te Flä­che der Euro­päi­schen Uni­on hoch­ge­rech­net ergä­be sich hier ein CO2-Spei­cher­po­ten­zi­al von 113 Mil­lio­nen Ton­nen, was fast einem Drit­tel der momen­ta­nen Treib­haus­gas­emis­sio­nen der Land­wirt­schaft in der Euro­päi­schen Uni­on ent­spricht. 

Spei­cherzie­le für Acker­bö­den in der Dis­kus­si­on 

Die­se Tat­sa­che ist unter dem Schlag­wort Car­bon Farming derzeit Gegen­stand vie­ler Dis­kus­sio­nen über die Koh­len­stoff­spei­che­rung in der Land­wirt­schaft. Und wie sie hono­riert wer­den soll. Es wird dis­ku­tiert, ob die Land­wirt­schaft in den  Emis­si­ons­han­del auf­ge­nom­men wer­den soll. Gleich­zei­tig for­mie­ren sich eine Rei­he von Initia­ti­ven und Unter­neh­men, die den Humus­auf­bau über frei­wil­li­ge Kli­ma­schutz­zer­ti­fi­ka­te för­dern wol­len. 

Doch die­se Über­le­gun­gen sind nicht zielführend:

  1. Die Ein­be­zie­hung der Land­wirt­schaft in den Emis­si­ons­han­del ist nicht sinn­voll, denn die Reduk­ti­ons­ver­pflich­tung des Sek­tors Land­wirt­schaft müss­te zunächst selbst ange­gan­gen wer­den.  Immer­hin ist der Sek­tor Land­wirt­schaft immer noch Net­to-Emit­tent. 
  2. Der Boden als Koh­len­stoff­spei­cher ist sehr unbe­stän­dig. Land­wirt­schaft­li­che Böden kön­nen Koh­len­stoff in Form von Humus lang­fris­tig spei­chern, wenn sie mit genü­gend orga­ni­schem Mate­ri­al ver­sorgt wer­den. Ändert sich aller­dings die Bewirt­schaf­tung oder exter­ne Ein­flüs­se wie Tem­pe­ra­tur, Was­ser oder ph-Wert, kann Humus auch wie­der abge­baut wer­den. Und dabei CO2 frei­set­zen. Die Stand­ort­ge­ge­ben­hei­ten sind in Haupt­fak­to­ren für den Humus­ge­halt natür­li­cher Böden. Die­se Fak­to­ren kön­nen jedoch durch die Bewirt­schaf­tung von Acker- und Grün­land über­prägt wer­den. Dies gilt nicht nur für die humus­ver­nich­ten­de Drai­nie­rung von Feucht­bö­den oder für Grün­land­um­bruch, son­dern für Acker­bö­den all­ge­mein. Vieh­hal­tung und Frucht­fol­gen, Boden­be­de­ckung und Maschi­nen­ein­satz beein­flus­sen den Humus­ge­halt stark. Im Übri­gen herr­schen in Agrar­land­schaf­ten Lokal- und Mikro­kli­ma­ta, die sich durch Land­schafts­struk­tur und Bewirt­schaf­tung erklä­ren und die Bedin­gun­gen für Humus mit­be­ein­flus­sen. 
  3. Die Mes­sung und Inwert­set­zung (Moni­to­ring & Eva­lu­la­ti­on) von Koh­len­stoff­spei­che­rung ist schwie­rig und kost­spie­lig. Es ist ein­fach sehr schwer fest­zu­le­gen, von wel­chem Level an Koh­len­stoff­ge­halt man in den Acker­bö­den aus­geht. Die­se vari­ie­ren sehr stark nach Regi­on, Kli­ma und Bewirt­schaf­tungs­wei­se. Es ist auch eine Fra­ge der Gerech­tig­keit, wel­che Bau­ern Geld für Humus­auf­bau bekom­men. Ist es zu recht­fer­ti­gen, wenn Bau­ern, die bereits seit Jahr­zehn­ten Humus auf­ge­baut haben und nun nur noch wenig Poten­ti­al für wei­te­re CSpei­che­rung haben, weni­ger Geld bekom­men kön­nen als die, die ihre Böden aus­ge­laugt haben? Wie kön­nen Bau­ern auf Stand­or­ten, auf denen nur schwer Humus auf­zu­bau­en ist, genau­so hono­riert wer­den, wie Bau­ern auf guten Stand­or­ten? 
  4. Der Sek­tor ist nicht geeig­net, um frei­wil­li­ge Kli­ma­schutz­zer­ti­fi­ka­te zu gene­rie­ren. Zum einen gibt es die vie­len Unsi­cher­hei­ten. Zum ande­ren ist die Zusätz­lich­keit kaum gege­ben. Zusätz­lich­keit heißt, dass ein Kli­ma­schutz­pro­jekt über frei­wil­li­ge Kli­ma­schutz­zer­ti­fi­ka­te zusätz­lich zu bestehen­den Pro­jek­ten finan­ziert wer­den muss. Die Zusätz­lich­keit ist das wich­tigs­te Prin­zip, wenn man ein Kli­ma­schutz­pro­jekt über frei­wil­li­ge Kli­ma­schutz­zer­ti­fi­ka­te finan­zie­ren will. Die Zusätz­lich­keit bei Humus­aus­bau ist aber sehr schwer zu bewei­sen. 
  5. Der Humus­auf­bau darf Anstren­gun­gen in den ande­ren Wirt­schafts­sek­to­ren nicht erset­zen. Um Net­to-Null-Treib­haus­gas­emis­sio­nen bis spä­tes­tens 2050 zu errei­chen, müs­sen Unter­neh­men anhand einer wis­sen­schaft­lich fun­dier­ten 1,5°CStra­te­gie vor allem ihre eige­nen Emis­sio­nen dras­tisch redu­zie­ren. Dar­über hin­aus müs­sen bestehen­de bio­ge­ne Koh­len­stoff­vor­rä­te in den Wert­schöp­fungs­ket­ten erhal­ten blei­ben. Unter­neh­men müs­sen sich also zu ent­wal­dungs­frei­en Lie­fer­ket­ten beken­nen und die­se umset­zen. Für CO2-Emis­sio­nen, die (noch) nicht redu­ziert wer­den kön­nen, soll­ten Unter­neh­men ein inter­nes CO2-Bud­get fest­le­gen. Mit die­sem inter­nen “Kli­ma-Bud­get“ kann in Kli­ma­schutz­pro­jek­ten inves­tiert wer­den, die aber nicht für Kom­pen­sa­ti­ons­zwe­cke ange­rech­net wer­den kön­nen. 

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Unterm Strich ist fest­zu­hal­ten: Die Glei­chung „1 Ton­ne fos­si­le CEmis­sio­nen – 1 Ton­ne CSpei­che­rung = 0 Emis­sio­nen“ geht ein­fach nicht auf. Denn wir brau­chen viel mehr als ein Null-Sum­men-Spiel, um die Zie­le des Pari­ser Abkom­mens ein­zu­hal­ten. Es müs­sen sowohl Emis­sio­nen redu­ziert wer­den, als auch Koh­len­stoff so lan­ge wie mög­lich gespei­chert wer­den. Daher brau­chen wir sepa­ra­te Reduk­ti­ons­zie­le und Spei­cherzie­le, die nicht mit­ein­an­der ver­rech­net wer­den kön­nen. 

Ja, land­wirt­schaft­lich genutz­te Böden kön­nen eine Rol­le bei den Spei­cherzie­len spie­len. Aber sie dür­fen nicht ein­sei­tig als Koh­len­stoff­la­ger gese­hen wer­den. Die Anpas­sung unse­rer Böden an die Fol­gen des Kli­ma­wan­dels und deren Funk­ti­on als Habi­tat für Boden­le­be­we­sen, das wie­der­um die Frucht­bar­keit der Böden mas­siv bestimmt, müs­sen im Vor­der­grund ste­hen. 

Aufgewachsen bin ich auf einem Bauernhof in Niederbayern und habe mich schon immer für die Verbindung von Landwirtschaft und Umweltschutz interessiert. Als studierte Agraringenieur bin ich auch heute noch davon überzeugt, dass Umweltschutz nur gemeinsam mit den Landwirten zu schaffen ist und anders herum eine zukunftsfähige Landwirtschaft, die es immer stärker mit klimatischen Herausforderungen zu tun hat, nur mit einer intakten Natur zu haben ist. Als Referent für nachhaltige Landwirtschaft beim WWF setze ich mich für mehr Artenvielfalt, für Klimaschutz, für Gewässerschutz ein - immer im Dialog mit den Landwirten.

Kommentare (1)

  • Super geschriebener und informativer Artikel :-). In diesen Blog werde ich mich noch richtig einlesen

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