Char­lie-Gibbs: Die Alpen der Tief­see


Roter Octopus vor schwarzem Grund: Dumbo Octopus: Er lebt ganz weit unten, in der Tiefsee. Ein Teil seiner Heimat steht dank des WWF unter Schutz. © naturepl.com , David Shale, WWF
Dumbo Octopus: Ein Teil seiner Heimat steht dank WWF unter Schutz. © naturepl.com, David Shale, WWF

Stell dir vor, du bist ein Tief­see­hai und schwimmst mit­ten im Nord­ost­at­lan­tik in 2000 Metern Tie­fe her­um, irgend­wo zwi­schen Island und den Azo­ren. Plötz­lich tut sich vor dir eine unüber­wind­li­che Gebirgs­wand auf. Wie die Alpen, nur dunk­ler. So sieht es am mit­tel­at­lan­ti­schen Rücken tat­säch­lich aus. Hier kannst du vir­tu­ell abtau­chen und die Wun­der und Mons­ter der Tief­see bestau­nen.

Die „Char­lie-Gibbs Mari­ne Pro­tec­ted Area“ ist mit rund 324.000 Qua­drat­ki­lo­me­tern das größ­te Schutz­ge­biet auf Hoher See. Es umfasst einen bis zu 4.500 Meter tie­fen Can­yon, der die unter­see­ische Berg­ket­te des Mit­tel­at­lan­ti­schen Rückens durch­schnei­det. See­ber­ge, Koral­len­gär­ten und Schwamm­bän­ke bie­ten bedroh­ten Tief­see­fi­schen einen viel­fäl­ti­gen Lebens­raum.

Blick von Seeberg zur Meeresoberfläche © ImagDOP, Universität der Azoren
Blick von See­berg zur Mee­res­ober­flä­che © ImagDOP, Uni­ver­si­tät der Azo­ren

Hohe See: Erbe der Mensch­heit

Der größ­te Teil des Mit­tel­at­lan­ti­schen Rückens liegt in inter­na­tio­na­len Gewäs­sern. Die­se “Hohe See” wur­de von den Ver­ein­ten Natio­nen im See­rechts­über­ein­kom­men zum gemein­sa­men Erbe der Mensch­heit erklärt.
Das heißt lei­der auch: Alle dür­fen ihre Res­sour­cen nut­zen. Es gibt da drau­ßen zwar bestimm­te Regeln für Fische­rei, Schiff­fahrt und die Erkun­dung von Boden­schät­zen, aber bis­her kei­ne Insti­tu­ti­on, die sich welt­weit um den Schutz der Natur auf der Hohen See küm­mert. Kei­ne? Das OSPAR-Abkom­men zum Schutz des Nord­ost­at­lan­tik stellt da eine Aus­nah­me dar.
Schon im Jahr 2003 ver­pflich­te­ten sich die 15 Anrai­ner­staa­ten, in die­ser Regi­on ein Netz­werk von Mee­res­schutz­ge­bie­ten ein­zu­rich­ten. Heu­te umfasst es bereits 5,8 Pro­zent der Mee­res­flä­che, doch min­des­tens 10 Pro­zent sind das Ziel.

Wir vom WWF gaben den Anstoß

Als Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on hat der WWF bei OSPAR Beob­ach­ter­sta­tus. Das bedeu­tet nicht stil­les Mäus­chen spie­len, son­dern aktiv mit­re­den, münd­lich und schrift­lich Vor­schlä­ge machen. Nur das Beschlie­ßen bleibt den Ver­trags-Staa­ten und Regie­rungs­de­le­ga­tio­nen vor­be­hal­ten.

Bis wir unse­re Mei­nung durch­ge­setzt haben, ist es oft ein lan­ger Weg, aber er lohnt sich! Vor zehn Jah­ren stell­te ich im Gre­mi­um die Fra­ge: “Hat­ten eure Umwelt­mi­nis­ter nicht mal beschlos­sen, auch Schutz­ge­bie­te auf der Hohen See ein­zu­rich­ten?” Ja schon, kam es von den Regie­rungs­men­schen zurück, man habe aber gera­de noch so viel in den eige­nen Mee­res­ge­wäs­sern zu tun. Der WWF kön­ne ja mal einen Vor­schlag machen. Das lie­ßen wir uns nicht zwei mal sagen. Wir sam­mel­ten Daten und For­schungs­er­geb­nis­se und reich­ten bereits 2006 unse­ren Fach­vor­schlag für die Aus­wei­sung eines rie­si­gen Abschnitts die­ser “Alpen der Tief­see” ein. Das deut­sche Bun­des­amt für Natur­schutz tat es uns für fünf wei­te­re Gebie­te gleich. Der Inter­na­tio­na­le Rat für Mee­res­for­schung begut­ach­te­te unse­ren Vor­schlag und hat­te nicht viel zu meckern. Ende gut — alles gut?

Bei OSPAR über Schutz­ge­bie­te ver­han­deln: Vor­ne im Bild Ragnhil­dur Fri­d­riks­dot­tir und Ste­phan Lut­ter vom WWF. © L. Rit­chie, OSPAR

Vier Jah­re Wühl­ar­beit bis zum Durch­bruch

Weit gefehlt! Denn nun fing die eigent­li­che poli­ti­sche Wühl­ar­beit erst an, das heißt in Kurz­form: Näch­te­lan­ge Dis­kus­sio­nen in Arbeits­grup­pen und Gre­mi­en. Meh­re­re Natio­nen unter­stütz­ten unse­ren Vor­schlag for­mal, ande­re sahen die Nut­zungs­rech­te auf dem von ihnen als erwei­ter­ten Fest­lands­so­ckel bean­spruch­ten Mee­res­bo­den gefähr­det.
Um es kurz zu machen: Im Herbst 2010 beschlos­sen die Umwelt­mi­nis­ter der OSPAR-Staa­ten im nor­we­gi­schen Ber­gen die Aus­wei­sung von sechs Hohe-See-Schutz­ge­bie­ten und der WWF ver­lieh dafür sei­ne höchs­te Aus­zeich­nung. 2012 gab schließ­lich Island sei­nen Wider­stand auf, so dass auch das nörd­lichs­te der sie­ben Gebie­te unter Schutz gestellt wer­den konn­te.

Schutz­ge­bie­te grö­ßer als Deutsch­land

Seit 2012 ste­hen nun Tei­le des mit­tel­at­lan­ti­schen Rückens und benach­bar­te See­ber­ge unter Schutz. Die Flä­che von 482.000 Qua­drat­ki­lo­me­tern ist grö­ßer als Deutsch­land und ver­teilt sich auf sie­ben Schutz­ge­bie­te. Im größ­ten liegt auch der so genann­te Char­lie-Gibbs-Gra­ben, ein tie­fer Can­yon, durch den du als Tief­see­hai von einer Sei­te des Gebir­ges zur ande­ren schwim­men könn­test. In den Schutz­ge­bie­ten ist der Ein­satz von zer­stö­re­ri­schen Boden­schlepp­net­zen weit­ge­hend ver­bo­ten.

Da bleibt mir eigent­lich nur, euch für die Unter­stüt­zung der WWF-Mee­res­schüt­zer zu dan­ken!

 

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