War­um die Pott­wa­le in der Nord­see sterben


Pottwale liegen gestrandet an der Küste: Warum sterben die Wale?
Gestrandete Pottwale: Warum passiert das? © picture alliance / dpa

Es gibt eine Men­ge Erklä­run­gen dafür, war­um Pott­wa­le stran­den. Nicht alle sind men­schen­ge­macht. Ver­ant­wort­lich kann das Wet­ter sein — und Tintenfische.
Ehr­lich gesagt, Leu­te, ich hat­te noch ein paar Tage gewar­tet, bis ich die­sen Blog­bei­trag anfing. Woll­te doch erst sicher gehen, dass das Ster­ben der Pott­wa­le in der Nord­see ein Ende hat und war natür­lich auch gespannt, was die ers­ten wis­sen­schaft­li­chen Unter­su­chun­gen dazu erge­ben wür­den. Natür­lich war ich wie ihr trau­rig dar­über, dass Anfang des Jah­res 29 der majes­tä­ti­schen Rie­sen an den Küs­ten Deutsch­lands, der Nie­der­lan­de, Eng­lands und Frank­reichs ver­en­de­ten. Der Pott­wal ist der größ­te unter den Zahn­wa­len, zwar welt­weit ver­brei­tet, aber auch ein Sym­bol­tier des Atlan­tiks, für des­sen Schutz ich mich einsetze.

Es war mir bereits ver­gönnt, leben­de Pott­wa­le auf Wal­sa­fa­ri in Nord­nor­we­gen und bei den Azo­ren zu beob­ach­ten. 

Pott­wa­le: Welt­meis­ter im Tieftauchen

Weltrekordler beim Tauchen: Pottwal unter Wasser
Welt­meis­ter im Tau­chen: der Pott­wal © iStock / Get­ty Images

Nörd­lich des Polar­krei­ses, vor der Insel­grup­pe der Lofo­ten und Ves­terå­len hal­ten sich ger­ne jun­ge männ­li­che Pott­wa­le auf. Sie sind Welt­meis­ter im Tief­tau­chen. Sie kön­nen dort vor dem steil abfal­len­den Kon­ti­nen­tal­hang nach Her­zens­lust ihre Lieb­lings­spei­se, Kra­ken und Kal­ma­re, in der Tief­see jagen. Ihre Wan­der­rou­te führt sie immer wie­der zurück in wär­me­re Gefil­de, zum Bei­spiel bei den Azo­ren. Dort tref­fen sie auf weib­li­che Tie­re. Die­ser Weg führt nor­ma­ler­wei­se an der Außen­sei­te der bri­ti­schen Inseln vor­bei. War­um nur ist dies­mal eine gro­ße Grup­pe Jung­bul­len falsch abge­bo­gen? In die fla­che Nord­see, die ihnen zum Ver­häng­nis wur­de, weil die Was­ser­tie­fe dort für ihre akus­ti­sche Ori­en­tie­rung zu gering ist. Und auch die typi­sche Nah­rung fehlt.

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Pott­wa­le sind schon immer gestrandet

Stran­dun­gen von Pott­wa­len haben in der Nord­see schon eine lan­ge Geschich­te. Zuletzt stran­de­ten 20 ver­irr­te Tie­re im Win­ter 1997/98. Doch his­to­ri­sche Auf­zeich­nun­gen wei­sen bis ins 16. Jahr­hun­dert zurück. Die bekann­ten oder mög­li­chen Ursa­chen sind viel­fäl­tig. Aber zunächst muss zwi­schen Stran­dun­gen leben­der oder gera­de ver­en­den­der Tie­re und so genann­ten Tot­fun­den unter­schie­den wer­den. Ers­te­re haben die Ori­en­tie­rung ver­lo­ren oder sind geschwächt. Letz­te­re sind bereits im Meer zu Tode gekom­men und wer­den dann ange­trie­ben. Das wird zu oft in einen Topf geworfen.

Hier also zunächst zu den Totstrandfunden:

Jähr­lich wer­den zum Bei­spiel mehr als 100 tote Schweins­wa­le an unse­ren Küs­ten gebor­gen. Sie ertrin­ken häu­fig in Stell­net­zen (Kie­men­ver­wi­ckel­net­zen) auf See, so genann­ter Bei­fang also, und wer­den erst nach­träg­lich tot ange­spült. Ein ande­res Bei­spiel: Im Jahr 2015 erleb­te die Pazi­fik­küs­te Ame­ri­kas ein gigan­ti­sches Wal­ster­ben, von Chi­le bis Alas­ka: Hun­der­te Tie­re ver­schie­de­ner Arten von Bar­ten­wa­len waren ver­en­det ange­trie­ben, wahr­schein­lich als Fol­ge gif­ti­ger Algen­blü­ten, deren Toxi­ne über das Plank­ton und die Nah­rungs­ket­te auf­ge­nom­men wur­den. Und “last but not least”: Unter­was­ser­lärm, vor allem har­ter Impuls­schall aus Schall­ka­no­nen. Seis­mi­schen Unter­su­chun­gen, mili­tä­ri­schen Übun­gen oder Ramm­ar­bei­ten wer­den eben­falls für den Tod von extrem schall­emp­find­li­chen Zahn­wa­len ver­ant­wort­lich gemacht. Tot­fun­de von Cuvier-Schna­bel­wa­len an den Strän­den des Mit­tel­meers wer­den dar­auf zurück geführt.

War­um stran­den leben­de Wale? Die Theorien

Was brachte die Pottweale dazu an der Nordsee zu stranden? Artenschützer sind sich nicht ganz sicher.
Gestran­de­ter Pott­wal: Wegen des Wet­ters, des Lärms oder doch wegen der Tin­ten­fi­sche? © Peter-Kuchenbuch-Hanken

Womit wir bei der hier ent­schei­den­den Fra­ge wären: Hat der Umgang von uns Men­schen mit der Mee­res­um­welt, haben Off­shore-Indus­trie, Mili­tär und Mee­res­ver­schmut­zung damit zu tun, wenn Wale von ihrer Rou­te abkom­men, an fla­chen Strän­den auf­lau­fen und aus­trock­nen oder unter ihrem eige­nen Gewicht ersti­cken? Hin­wei­se gibt es genug. Wobei wir zual­ler­erst wie­der beim höl­li­schen Unter­was­ser­lärm wären, der lau­ter als eine Hea­vy Metal Band sein kann. Nach einer mili­tä­ri­schen Übung vor Kre­ta ver­irr­ten sich Schna­bel­wa­le an die Küs­ten. Sonar von Kriegs­schif­fen kann sogar Blau­wa­le  bei der Nah­rungs­su­che stö­ren und schwä­chen. Und: Die Gehir­ne einer Grup­pe in Schott­land unlängst lebend gestran­de­ter Grind­wa­le waren der­art mit Schwer­me­tal­len, vor allem Queck­sil­ber ver­seucht, dass bei uns Men­schen jeder Neu­ro­lo­ge sofort Alarm schla­gen würde.

Und die 29 toten Pott­wa­le? Natür­li­che Ursa­chen wahrscheinlich

Jaaaa doch! Natür­lich woll­te ich für euch dar­auf zurück kom­men: Bri­ti­sche und deut­sche Fach­leu­te, die die Kada­ver unter­such­ten, hal­ten es  für wenig wahr­schein­lich, dass ein mensch­ge­mach­ter Stör­fak­tor die Wale in die Irre führ­te. Auch waren die jun­gen Pottwal­bul­len bei bes­ter Gesund­heit und gut genährt. Die Unmen­gen von Tin­ten­fisch­schnä­beln in ihrem Ver­dau­ungs­trakt haben es bewie­sen. Ein Tier hat­te  Fischer­net­ze ver­schluckt, was aber nicht als Todes­ur­sa­che gewer­tet wurde.

Wahr­schein­lich folg­ten die Pott­wa­le den Tin­ten­fisch­schwär­men viel wei­ter nach Süden als üblich, bis in die nor­we­gi­sche Rin­ne, wo auch die nörd­li­che Nord­see noch meh­re­re hun­dert Meter tief ist. Das Wet­ter­ge­sche­hen dürf­te dazu bei­getra­gen haben. Ob Zei­chen des Kli­ma­wan­dels oder eine Sin­gu­la­ri­tät, bleibt dahin gestellt. Eben­so spe­ku­la­tiv ist die The­se, dass natür­li­che Abwei­chun­gen im Erd­ma­gnet­feld eine Rol­le spiel­ten (die zur frag­li­chen Zeit tat­säch­lich durch einen Son­nen­sturm ver­ur­sacht wurden).

Ja — die Natur kann manch­mal grau­sam sein. Wild­nis ist kein Kuschel­rock. Auch Irr­tü­mer mit Todes­fol­ge gehö­ren dazu. Umso mehr kommt es dar­auf an, dass wir uns dafür ein­set­zen, den sanf­ten Rie­sen der Mee­re und ihren klei­ne­ren Ver­wand­ten alle zusätz­li­chen Gefah­ren zu erspa­ren, bei denen wir es selbst in der Hand haben.

Hier kannst Du mehr erfah­ren — und etwas für die Pott­wa­le tun:

  1. Mei­ne ande­ren Arti­kel zum Mee­res­schutz fin­dest Du hier
  2. Über den Fall der Pott­wa­le hat­te mein Kol­le­ge Tim hier schon geschrieben
  3. Du willst etwas für die Wale tun?

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6 Kommentare

  1. Avatar
    Bob
    1. März 2016
    Antworten

    Sehr guter Blog.…Stephan
    rea­lis­ti­sche Ein­schät­zung der Lage — Top !

  2. Avatar
    Paula
    3. März 2016
    Antworten

    Super Bei­trag, dan­ke! Jetzt habe ich mal alle Fak­ten lesens­wert zusam­men­ge­stellt an einem Ort. Ich lie­be Wale und wür­de sie auch so gern in frei­er Wild­bahn beob­ach­ten kön­nen. Gestol­pert bin ich aber über das Erd­ma­gnet­feld. Ich wuss­te gar nicht, dass es auf natür­li­che Wei­se der­art stark gestört wer­den kann. Nut­zen auch ande­re Arten das Erd­ma­gnet­feld als Ori­en­tie­rung? Oder nur Wale?

  3. Avatar
    7. März 2016
    Antworten

    Hal­lo Paula!
    Son­nen­stür­me erzeu­gen nicht nur Polar­lich­ter, son­dern defor­mie­ren die Lini­en desErd­ma­gnet­felds oft ganz erheb­lich. Von Pott­wa­len weiß man zumin­dest, dass sie magne­tisch sen­si­ble Par­ti­kel im Schä­del­be­reich haben. Ande­re Arten? Da habe ich lei­der kei­nen Über­blick. Evt. auch Zug­vö­gel und wan­dern­de Meeresschildkröten.
    Grü­ße von Stephan

  4. Avatar
    H.F.
    10. März 2016
    Antworten

    Auch ich schon zwei­mal Gele­gen­heit, Pott­wa­le zu beob­ach­ten, aus­ge­hend vom Wal­for­schungs­zen­trum Ande­nes (Ves­tera­len). Ein unver­gess­li­ches Erlebnis!

  5. Avatar
    Marie-L. Harmsen
    24. März 2016
    Antworten

    Mei­nen herz­li­chen dank für die­sen inter­es­san­ten Bei­trag zu dem The­ma der gestran­de­ten Pott­wa­le Da ich selbst aus Nord­deutsch­land kom­me ist mir das The­ma sehr wich­tig. Mich wür­de aller­dings noch die Fra­ge neu­gie­rig machen, wie gefähr­lich die Wind­kraft­an­la­gen im Ver­gleich zu ande­ren Gefah­ren­quel­len sind, für Wale wie für ande­re Meeresbewohner???
    LG Marie‑L. Harmsen

    • Avatar
      4. April 2016
      Antworten

      Hal­lo Marie,

      da ich Urlaub hat­te, kommt mei­ne Ant­wort etwas spät: Vor allem für Zahn­wa­le (Schweins­wal, Del­fi­ne, Pott­wal), die sich qua­si via Echo­lot ori­en­tie­ren, ist der Impuls­schall gefähr­lich, der von der Ramm­ung der Anla­gen in den Mee­res­bo­den aus­geht. Dafür gibt es Schutz­maß­nah­men und Alter­na­ti­ven. Unse­re Posi­ti­on dazu sowie die gemein­sa­me der deut­schen Umwelt­ver­bän­de zum Schall­schutz­kon­zept der Bun­des­re­gie­rung fin­dest du hier: http://www.wwf.de/themen-projekte/meere-kuesten/meeresschutz/windenergie-naturvertraeglich-ausbauen/

      Als Ursa­che für die Fehl­lei­tung der Pott­wa­le in die­sem Jahr hal­te ich sol­che Schall­quel­len aber für sehr unwahr­schein­lich, da sie im frag­li­chen Bereich der nörd­li­chen Nord­see zur Zeit kei­ne Rol­le spie­len. Für unse­re hei­mi­schen Schweins­wa­le sind sie dage­gen ein Dauerproblem.

      Gruß von Stephan

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