Am Bei­spiel des Dugongs — Öko­tou­ris­mus oder Ökoter­ro­ris­mus


Touristen auf der Jagd nach den letzten Dugongs. © Philipp Kanstinger , WWF
Touristen auf der Jagd nach den letzten Dugongs. © Philipp Kanstinger , WWF

Ich stal­ke lei­den­schaft­lich Unter­was­ser­be­woh­ner. Und ich habe eine Lis­te mit Tie­ren, denen ich unbe­dingt ein­mal im Was­ser begeg­nen möch­te. Dar­auf ste­hen Arten, die teil­wei­se rela­tiv häu­fig zu fin­den sind (einen gro­ßen Herings­schwarm zum Bei­spiel). Aber auch vie­le, die viel­leicht bald aus­ge­stor­ben sind, wie z.B. die Mit­tel­meer-Mönchs­rob­be.

Dugongs, die schwim­men­den Ele­fan­ten

Taucher auf der Jagd nach einem Dugong © Philipp Kanstinger / WWF
Die Tau­cher sind klar in der Über­zahl © Phil­ipp Kan­s­tin­ger / WWF

Ganz weit oben stand bei mir bis­lang das Dugong,  eine See­kuh-Art (davon gibt es zwei, die Drit­te wur­de 1768 aus­ge­rot­tet). Dugongs sind Ver­wand­te der Ele­fan­ten, die in die Mee­re und Flüs­se umge­zo­gen sind. Dort wei­den sie mit ihren Staub­sauger­rüs­seln auf See­gras­wie­sen. Es sind gro­ße, fried­li­che Geschöp­fe, die bis zu 70 Jah­re alt wer­den. Zum Atmen müs­sen sie alle sechs Minu­ten an die Ober­flä­che. So sind sie leicht zu ent­de­cken, aber auch leicht zu har­pu­nie­ren.

Lei­der geht es den Dugongs sehr schlecht: Sie ertrin­ken schnell, wenn sie sich in einem Fischer­netz ver­fan­gen. Oder sie wer­den von Boo­ten über­fah­ren, wenn sie zum Atmen auf­tau­chen. Heut­zu­ta­ge gibt es nur noch sehr weni­ge Dugongs (die meis­ten davon in Aus­tra­li­en). Die Lebens­räu­me sind stark von Über­dün­gung und Kli­ma­ver­än­de­rung bedroht.

Ein­mal ech­te Dugongs sehen, das war schon lan­ge mein Traum. Als ich genug Geld zusam­men hat­te, bin ich in zwei bekann­te ver­blie­be­ne Rück­zugs­ge­bie­te gereist: In das Baza­ruto Archi­pel in Mozam­bi­que und drei Jah­re spä­ter in das Libong Archi­pel in Thai­land. Jedoch ohne Erfolg — kein ein­zi­ges Dugong habe ich ent­deckt. Bio­lo­gen vor Ort erzähl­ten mir, die Tie­re wären selbst in den Schutz­ge­bie­ten nahe­zu ver­schwun­den. Für einen Flug nach Aus­tra­li­en hat­te ich nicht genug Geld, aber ich wuss­te, es gibt die Tie­re noch im süd­li­chen Ägyp­ten. Es gibt hun­der­te Fotos von ägyp­ti­schen Dugongs und häu­fig sieht man sie auf den Covern der Tauch- und Rei­se­ma­ga­zi­ne.  Es konn­te also nicht zu schwer sein, dort end­lich wel­che zu sehen.

Alle rufen: „Dugong Dugong!“

War es dann auch nicht: Jedes Hotel und jede Tauch­ba­sis bot See­kuh-Exkur­sio­nen an. Ich habe 50 Euro gezahlt und wur­de zu einer Bucht mit gro­ßem Hotel,  Tauch-Shops, Restau­rants und vie­len, vie­len beleg­ten Strand­lie­gen gefah­ren.  Dut­zen­de Natur­freun­de tauch­ten oder schnor­chel­ten bereits auf der Suche nach einer See­kuh.  Immer, wenn eine gefun­den wur­de, hör­te man Unter­was­ser das auf­ge­reg­te Ras­seln und Klop­fen der Tau­cher. Vom Strand aus rie­fen die Gui­des „Dugong Dugong!“ über die gan­ze Bucht, wenn sie eins sehen konn­ten. Sofort kam Bewe­gung in die Tou­ris­ten­mas­sen und alle (ein­schließ­lich mir) stürz­ten sich auf den Dugong. Die Schlauch­boo­te der Safa­ri-Schif­fe ras­ten her­an und war­fen zusätz­li­che Schnorch­ler über Bord  — genau­so wie die drei wich­ti­gen Ver­hal­tens­re­geln im Umgang mit Dugongs: “Nicht anfas­sen, 15m Abstand hal­ten, Platz beim Auf­tau­chen las­sen”. In der all­ge­mei­nen Auf­re­gung wur­den die­se ein­fach igno­riert.

Nach weni­gen Augen­bli­cken war aber alles wie­der vor­bei. Das Dugong schwamm wie­der ins offe­ne Blau, weg von sei­nem Fut­ter und gejagt von einer Grup­pe Tau­chern und Schnorch­lern. Ich hin­ge­gen war gar nicht froh, end­lich die­ses fan­tas­ti­schen Tier gese­hen zu haben hat­te. Viel­mehr schäm­te ich mich, Teil die­ser Meu­te gewe­sen zu sein.

Tou­ris­mus als Sarg­na­gel für die Dugongs

Plastik hat im Meer nichts zu suchen. © Philipp Kanstinger, WWF
Plas­tik hat im Meer nichts zu suchen.
© Phil­ipp Kan­s­tin­ger, WWF

Ich habe dann noch zwei ande­re Buch­ten besucht, in denen es Dugongs geben soll­te. Lei­der sah es dort ähn­lich aus. Auf dem Rück­flug habe ich mich damit getrös­tet, dass die süd-ägyp­ti­sche Küs­te sehr lang ist und die meis­ten Dugongs wohl ihre Ruhe haben. Spä­ter las ich, schon vor zehn Jah­ren habe es dort nur 14 Tie­re gege­ben und die meis­ten von ihnen sind genau auf die­se drei Buch­ten ange­wie­sen. All die Fotos in den Maga­zi­nen zei­gen schein­bar nur die­se paar Dugongs. Zuhau­se kam die bit­te­re Erkennt­nis: Der Tou­ris­mus ist der letz­te Sarg­na­gel für die dor­ti­gen Dugongs. Und ich habe mit­ge­hol­fen ihn ein­zu­schla­gen.

Begrenz­ter Öko­tou­ris­mus als Lösung

Öko­tou­ris­mus kann ein mäch­ti­ges Werk­zeug sein, um die loka­le Bevöl­ke­rung zu unter­stüt­zen und sie zu über­zeu­gen, die Tie­re zu schüt­zen. Wenn der Tou­ris­mus aber unre­gu­liert ist, scha­det er den Tie­ren, die man so ger­ne sehen möch­te. Tut mir daher einen Gefal­len:

Begeht nicht den glei­chen Feh­ler wie ich! Fragt nach, ob es Begren­zun­gen der Boo­te und Men­schen gibt, ob sie einen Ver­hal­tens­co­dex befol­gen und ob ein Teil eures Gel­des in den Schutz der Tie­re fließt.

Lei­der ist nach­hal­ti­ger und begrenz­ter Öko­tou­ris­mus oft sehr teu­er. Hört euch daher bei ande­ren Tou­ris­ten um. Mei­det Mas­sen­ver­an­stal­tun­gen. Wenn ihr euch unsi­cher seid, ver­zich­tet lie­ber und geht vom Strand aus schnor­cheln oder schaut ein­fach aufs Meer.

Manch­mal braucht man ein­fach Glück

Mei­ne” Mit­tel­meer Mönchs­rob­be sah ich zufäl­lig beim Schnor­cheln in Grie­chen­land, in einem Gebiet, aus dem sie eigent­lich schon seit lan­ger Zeit ver­schwun­den ist. Wir haben uns bei­de ver­dutzt ange­se­hen — dann ist sie wei­ter­ge­schwom­men. Ein wun­der­schö­ner Moment.

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Über mich
Philipp Kanstinger

Ich liebe die Ozeane und die Unterwasserwelt und verbringe möglichst viel Zeit im und am Meer. Meine Arbeit als Meeresbiologe und als Forschungstaucher hilft mir diesen Wunsch zu realisieren. Leider verbringe ich gerade zuviel Zeit vor meinem Computer in Hamburg. Seit 2012 arbeite ich für den WWF, da ich bei meinen Reisen und bei meiner Arbeit feststellen musste, dass das Meer nicht unerschöpflich ist und man selbst an den abgelegensten Stränden dieser Erde die Spuren der Menschen entdeckt. Meistens in Form von Plastikmüll, zerstörten Riffen und dem Fehlen von Großfischen. Ich hoffe, dass durch meine Arbeit unsere Fußabdrücke etwas kleiner werden.

1 Kommentar

  1. Hal­lo Phil­lip,

    mit gro­ßem Inter­es­se habe ich Dei­nen Arti­kel zu den letz­ten Dugongs in Ägyp­ten gele­sen. Dazu erst vor­ab, ich bin selbst Tau­cher und Unter­was­ser­fil­mer. 2011 hat­te ich zum ers­ten Mal das Glück bei Mar­sa Alam einem Dugong zu begeg­nen. Die Grup­pe, die sich dem Dugong damals näher­te bestand aus etwa zehn Tau­chern und weder das Tier noch die Tau­cher hat­ten Streß.
    Letz­ten Herbst hat­te ich in der glei­chen Bucht wie­der das unglaub­lich Glück einem Dugong zu begeg­nen. Dies­mal defi­ni­tiv einem ande­ren Tier, was ja schon erstaun­lich ist, wenn es stimmt, daß es in Süd­ägyp­ten angeb­lich nur noch sie­ben die­ser Tie­re gibt.
    Die Situa­ti­on im Novem­ber 2014 war jedoch eine völ­lig ande­re als 2011. Ich sage nur, unre­gu­lier­ter Mas­sen­tou­ris­mus. Je län­ger das Dugong in der Bucht war, des­to mehr Tau­cher kamen ins Was­ser. Aller­dings, ohne daß das Tier sich von die­sen sehr gestört gefühlt hät­te. Die Schnorch­ler an der Ober­flä­che schie­nen da schon ein grö­ße­res Pro­blem zu sein, da es dort schließ­lich regel­mä­ßig Luft holen muß­te.
    Nach­dem ich dies alles gese­hen und doku­men­tiert hat­te, woll­te ich die Sache jedoch nicht auf sich beru­hen las­sen. Denn wie Du sagst, unre­gu­lier­tes Tau­chen mit die­sen Tie­ren scha­det ihnen und nützt am Ende auch den Men­schen vor Ort nicht.
    Was macht man also als Unter­was­ser­fil­mer? Einen Film dar­über…
    Ich habe in dem Film ver­sucht auf die Miß­stän­de dort in den Buch­ten Süd­ägyp­tens auf­merk­sam zu machen, ohne dabei den unge­lieb­ten, mah­nen­den Zei­ger­fin­ger zu erhe­ben. Das Ergeb­nis ist der Film „Through my Eyes“: https://youtu.be/Id724mrVHbg
    Um mehr Auf­merk­sam­keit zu bekom­men, habe ich ihn auch erfolg­reich bei dem Film­wett­be­werb VISI­ONS­vi­deo des Maga­zins unter­was­ser ein­ge­reicht: http://www.unterwasser.de/visionsvideowettbewerb/artikel/visions-video-april-2015
    Wei­te­re Infos über mich fin­dest Du unter: http://www.bluewavefilms.de
    Ich wür­de mich über einen Gedan­ken­aus­tausch zu den letz­ten ägyp­ti­schen Dugongs sehr freu­en.

    Schö­ne Grü­ße!
    Andre­as

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