Zukunft? Jugend fragen reicht nicht!


Jugend 2018 : Jugendliche auf einem Treffen der WWF Jugend
Jugendliche engagieren sich - wenn sie denn dürfen © Peter Jelinek / WWF

Wie wichtig ist jungen Menschen eine intakte Umwelt? Sehr wichtig. Und wie blicken Jugendliche auf die fortschreitende Naturzerstörung? Mit großen Sorgen. Dies sind zwei zentrale Aussagen der neu erschienenen Studie „Zukunft? Jugend fragen!“ des Bundesumweltministeriums (BMUB). Neu ist das nicht. Mit der  Umfrage zu den Lebenseinstellungen junger Menschen schreibt das  Ministerium ein weiteres Kapitel in die lange Reihe von Jugendstudien. Die Erkenntnis ist seit Jahren immer die Gleiche: Die Jugendlichen wollen, dass sich endlich etwas ändert!

Sich mit ihren Erwartungen und Meinungen zu beschäftigen, ist zweifelsohne wichtig und richtig. Doch wenn dann die Analyse bei einer eigens dafür einberufenen BMUB-Konferenz vorgestellt und mit jungen Menschen diskutiert wird, ist das die Fortsetzung eines gewohnten Rituals: Wir setzen uns immer wieder mit der jungen Generation zusammen, sprechen über ihre Probleme – und dann überlassen wir die Problemlösung wieder den bürokratischen und altersstarren Gewerken des politischen Systems. Jugendliche werden angehört, in der Tat. Und dann kommt wenig.

Der Jugend gehört die Welt… noch nicht

Jede Menge Einfluss hätten die Jugendlichen, heißt es ständig, Denn schließlich gebe es so viele Dinge, die Du tun kannst. Natürlich. Die Generation der Eltern und Großeltern schürft und emittiert, rodet, vermüllt und asphaltiert die Natur in Grund und Boden. Die nächsten Generationen dürfen anschließend aufräumen. Ihre Waffen: Bio, Mehrweg und Recyclingpapier. Das kann nicht reichen.

Wahrscheinlich zähneknirschend durfte das Ministerium in seine Veröffentlichung reinschreiben, dass nach Ansicht der Jugendlichen in erster Linie der Staat gefordert sei, durch gezielte gesetzliche Maßnahmen für den Schutz von Umwelt und Natur zu sorgen.

Jugendliche sind politisch interessiert und sehen weiterhin die Demokratie als wichtige Errungenschaft – das Aufatmen ist hier förmlich zu lesen. Doch fühlen sie sich weder gut informiert noch gut regiert. Die jungen Menschen (bei der hier vorgenommenen Gruppe der 14 bis 22-jährigen immerhin ein Zehntel der Bevölkerung) sind enttäuscht. Sie attestieren der Politik mangelhafte Vertrauenswürdigkeit, eine geringe Orientierung am Gemeinwohl und eine „klare Diskrepanz zwischen ‚Sagen‘ und ‚Denken‘“. Dass sich die Politik ernsthaft für Umwelt- und Klimaschutz einsetzt, trauen die wenigsten Jugendlichen ihr zu. Auch die Wirtschaft bekommt ähnlich schlechte Noten. Doch das dürfte kaum stören – es ist ja nur eine von vielen Jugendstudien.

Wo bleiben Vorbilder für die Jugend?

Angst-Narrative der AfD aufgreifen anstatt positive Werte entgegenzusetzen, die Klimaschutzziele halbherzig aufgeben, eine sich kaugummiartig ziehende Regierungsbildung, während andere Parteien gar nicht regieren wollen: Die etablierte Politik bietet derzeit nicht gerade viel an, um bei jungen Menschen Vertrauen herzustellen. Entsprechend zeigt auch die Jugendstudie des BMUB, dass sich Jugendliche nur wenig für klassische Parteipolitik interessieren oder gar sich vorstellen können, sich in einer Partei zu engagieren.

Vielleicht ist es auch Hilflosigkeit der Regierenden, die sie allzu oft sagen lässt: Ihr Jugendlichen seid unsere Zukunft. Die Jugendlichen, mit denen ich gesprochen habe, sehen das anders. Nachhaltigkeit, Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit – das sind Gesellschaftsaufgaben. Es sind keine Aufgaben, die man einfach auf die Schultern der Jungen hieven kann, nachdem man sein eigenes Unvermögen demonstriert hat.

Nope, fragen reicht nicht

Vom Dialog mit den Jungen auf Augenhöhe -geschweige denn von einer ernsthaften Beteiligung- sind wir weit entfernt. Positive Ansätze gibt es durchaus, von Youth Leadership Programmen über Jugendbeiräte bis zu Jugend-Delegationen auf UN-Konferenzen. Wo sich Junge einzubringen können, finden sich zahlreiche, die Verantwortung übernehmen wollen, die sich engagieren. Doch wenn bei großen Fragen ihre Wünsche und Erwartungen wieder hinten angestellt werden, sind wir von einer wirklich zukunftsorientierten Politik noch weit entfernt.

Und so finden sich Jugendliche heute in einer Situation der Ohnmacht wieder, wie auch die BMUB-Studie aufzeigt. Jugendliche haben so viele Möglichkeiten wie nie zuvor – und stehen eben darum unter hohem Entscheidungsdruck. Gleichzeitig versinkt die Welt um sie herum in Krisen und Katastrophen. So gewinnen in einer unsicheren Welt vor allem sozialer Zusammenhalt und Solidarität für junge Menschen an Bedeutung.

Wer ist hier inkonsequent?

Jugendliche wollen ökologisch und sozial verantwortlich handeln, doch sind sie dabei nicht immer konsequent – auch darauf geht die Studie ausführlich ein. Auf Plastiktüten verzichten, aber nicht auf Flugreisen. Da liegt der Verdacht nahe, die neue Generation bringe auch nicht wirklich bessere Umweltschützer hervor.

Ist das gerechtfertigt, wenn wir ihnen Inkonsequenz in Perfektion vorleben? Beim Müll, beim Essen, beim Stromverbrauch – wir Deutschen sind laut OECD Studie bei weitem nicht die vorbildlichen Umweltschützer, für die wir uns halten. Kohleausstieg, Agrarwende, Schutz der biologischen Vielfalt – es gibt zahlreiche große Aufgaben, die wir angehen müssen. Und bei denen man sich lebhaft vorstellen kann, welche begeisternde und belebende Wirkung es haben würde, wenn sie gelingen.

Jugend will Umweltschutz, Jugend will Veränderung. Anstatt das immer wieder abzufragen, sollte sich die Politik daran machen, das Gesellschaftsprojekt Zukunftsfähigkeit entschlossen angehen. Meine Arbeit als Community Manager für die WWF Jugend stimmt mich optimistisch. Ich erlebe Tag für Tag junge Menschen, die etwas Gutes für unseren Planeten bewegen wollen. Das macht mir Hoffnung.

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Anlässlich der Jugendstudie des BMUB wurde unter anderem ein Jugendbeirat eingerichtet, der sich aus Vertreterinnen und Vertretern von Umwelt- und Sozialverbänden zusammensetzte. Darunter befanden sich auch Mitglieder der WWF Jugend. Vielen Dank für euren Einsatz!

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Marcel Gluschak

Über mich
Marcel Gluschak

Community Manager für die WWF Jugend. Ich finde, Jugendliche müssen mitreden und mitentscheiden können. Ihre Kreativität und Offenheit ist entscheidend, wenn wir Lösungen für eine nachhaltige Welt finden wollen.

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