Zwi­schen Anpas­sung und Unter­gang: Eis­bä­ren in der Klimakrise

Eisbären kommen immer öfter in die Nähe von menschlichen Siedlungen © Dmitry Kokh

Der Lebens­raum der Eis­bä­ren schmilzt, das ist so weit klar – und trau­rig. Doch was hat das für Folgen?

Das ers­te Mal, dass ich einen Eis­bä­ren sah, war in der kana­di­schen Ark­tis. Tat­säch­lich haben uns wir inner­halb von 24 Stun­den sechs Bären besucht, als das som­mer­li­che Meer­eis auf­brach und die Bären began­nen, an Land zu gehen. Ich war sehr glück­lich, dass drei Inu­it-For­scher mit uns im Camp waren. Sie kann­ten das Ver­hal­ten der Bären genau und ver­trau­ten auf Ihre Erfah­rung, sie abschre­cken zu kön­nen. Dank ihres Fach­wis­sens konn­te ich die Tie­re in ihrem natür­li­chen Lebens­raum beob­ach­ten, respekt­voll und ohne Angst.

Was pas­siert mit den Bären?

Ange­sichts der sich beschleu­ni­gen­den Kli­ma­kri­se fra­ge ich mich oft, inwie­weit mei­ne Erfah­rung mit den Eis­bä­ren bald nur noch eine schö­ne Erin­ne­rung sein wird. Die Kli­ma­kri­se macht es immer schwie­ri­ger vor­her­zu­sa­gen, wie es den Bären erge­hen wird, wenn ihr Lebens­raum schrumpft. Es besteht weit­ge­hend Einig­keit dar­über, dass die Kli­ma­kri­se nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf die Eis­bä­ren haben wird. In eini­gen Teil­po­pu­la­tio­nen sind die Aus­wir­kun­gen sogar schon seit mehr als einem Jahr­zehnt zu beob­ach­ten. Man geht davon aus, dass bei der der­zei­ti­gen Ent­wick­lung des Welt­kli­mas ein Drit­tel der Eis­bä­ren in den nächs­ten 30 Jah­ren ver­schwin­den wird. Doch wie wird der Weg dort­hin für die Eis­bä­ren aus­se­hen? Auf wel­che neu­en Her­aus­for­de­run­gen kön­nen wir uns einstellen?

Wie sich Eis­bä­ren anpassen

In zwei ost­ka­na­di­schen Teil­po­pu­la­tio­nen, wo das ein­jäh­ri­ge Meer­eis das mehr­jäh­ri­ge Eis ersetzt, geht es den Eis­bä­ren sogar bes­ser als noch vor zwei Jahr­zehn­ten. Das ist zum Teil auf das reich­hal­ti­ge­re Ange­bot an Beu­te­tie­ren zurück­zu­füh­ren. Rund um Sval­bard sind die Popu­la­ti­ons­grö­ßen sta­bil — trotz des Ver­lus­tes von Meer­eis und der dar­aus resul­tie­ren­den Tren­nung der Som­mer­le­bens­räu­me von den ange­stamm­ten Höh­len, in denen die Eis­bä­ren gebä­ren. Im Gegen­zug ist die Popu­la­ti­on in der west­li­chen Hud­son Bay in kei­nem guten Zustand. Das lässt ver­mu­ten, dass sie ent­we­der weni­ger Rob­ben fres­sen — oder mehr Ener­gie verbrauchen.

Koexis­tenz wird schwieriger

Also pas­sen sich die Eis­bä­ren an den Ver­lust von Meer­eis an? Es scheint, dass sie es ver­su­chen. Wie erfolg­reich ihre Bemü­hun­gen auf lan­ge Sicht sein wer­den, bleibt abzu­war­ten. In der Zwi­schen­zeit schaf­fen eini­ge ihrer Anpas­sungs­stra­te­gien neue Her­aus­for­de­run­gen. Da die Bären immer mehr Zeit an den Küs­ten und auf den Inseln ver­brin­gen, wo sich Wal­ros­se und Vogel­ko­lo­nien auf­hal­ten, kom­men sie in enge­ren Kon­takt mit den Men­schen. Eine Koexis­tenz von Mensch und Bär ohne gefähr­li­che Fol­gen wird schwerer.

Eine Stra­te­gie der Eis­bä­ren: sich neue Gebie­te an Land erschlie­ßen © Dmy­t­ri Kokh

Auf der Suche nach neu­er Beu­te dezi­mie­ren Eis­bä­ren eini­ge Brut­ko­lo­nien von See­vö­geln, mit noch unbe­kann­ten öko­lo­gi­schen Fol­gen. In dem Maße, wie der Appe­tit auf die indus­tri­el­le Erschlie­ßung der Ark­tis zunimmt, wird es auch zu Über­schnei­dun­gen zwi­schen Mine­ra­li­en­vor­kom­men und Lebens­räu­men kom­men, so dass Eis­bä­ren an Land wan­dern, um ihre Jun­gen zu bekommen.

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Das Meer­eis­mi­ni­mum im Sep­tem­ber 2021 war das zweit­nied­rigs­te in der Geschich­te. Die Glet­scher schrump­fen wei­ter im Rekord­tem­po. Die Tem­pe­ra­tu­ren in der Ark­tis stei­gen wei­ter an. Es gibt also berech­tig­te Grün­de, sich Sor­gen um das lang­fris­ti­ge Über­le­ben der Eis­bä­ren zu machen. Aber nur Sor­ge reicht nicht. Wir müs­sen glo­ba­le Maß­nah­men zur Redu­zie­rung der Treib­haus­gas­emis­sio­nen ergreifen.

Das Ver­schwin­den der Eis­bä­ren — und sei es nur in man­chen Tei­len der Ark­tis — wäre für uns alle ein Schlag. Für die indi­ge­nen Völ­ker der Ark­tis wäre es ein exis­ten­zi­el­ler Ver­lust. Wir müs­sen alle zusam­men­ar­bei­ten, damit die Eis­bä­ren ihren Platz im ark­ti­schen Öko­sys­tem behal­ten können.

Und das heißt vor allem mal: die Kli­ma­kri­se stoppen.

 

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Melanie arbeitet im WWF Arctic Coordinating Team mit den nationalen WWF-Büros zusammen, um Schutzstrategien für die Eisbären, Walrosse, Wale und Karibus/Rentiere umzusetzen.
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